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Diakonie in Göttingen – Krankenpflege und Mission

von Stefanie Schneider

Im 19. Jahrhundert wurden in Deutschland christliche Schwesternschaften gegründet, die Krankenpflege und Glauben miteinander verbanden. Als erstes wurden deutsche Soldaten auf die selbstlose Pflege durch katholische Schwestern in französischen Lazaretten aufmerksam – und 1866 war es auch in Göttingen soweit: Zwei protestantische Diakonissen wurden aus Hannover entsannt, um die Armen und Bedürftigen rund um die Uhr zu pflegen, da öffentliche Einrichtungen der Lage nicht mehr Herr wurden. Wie erfolgreich die Schwestern mit Zuwendung und Gesangbuch waren, lässt sich noch heute in Göttingen erkennen: Die Einrichtungen Alt-Bethlehem und Neu-Bethlehem, die für die Diakonie erbaut wurden gibt es noch heute, und sie werben noch immer mit dem Ziel „[f]ortschrittliche Medizin und exzellente Pflege mit christlichen Werten zu verbinden.“[1]

Christliche Ideale und die Rolle der Frau

Im 19. Jahrhundert wurde die Armenfürsorge für die bürgerliche Öffentlichkeit immer mehr zum Thema. Private Verbände und Vereine leisteten auch in der Krankenpflege materielle, finanzielle und personelle Unterstützung (Schmidt 1998, S. 26).  Frauenvereine unterstützten so auch Diakonissen indem sie Wohnungen und Verpflegung stellten. Pflegerinnen waren hoch angesehen und vor allem schwer zu bekommen (Weber-Reich 1999, S. 27). Ihre Rolle wurde zudem im 19. Jahrhundert stark idealisiert. Einige Leibildgeschichten aus der damaligen Zeit betonen, wie enorm groß die Bedeutung selbstloser Pflegerinnen war und lobten die „Jungfrauen“, die ihr Leben der Krankenpflege widmeten: „Wunderbar ist es anzusehen, was eine junge Dame ausrichten kann, wenn sie fest auf Jesum blickt“ (nach: Köser 2006, S. 339 – 340). Damit sollten natürlich auch medizinische Zweifel an christlicher Krankenpflege abgebaut werden. Vorreiter auf dem Gebiet christlicher Krankenfürsorge war hier die katholische Kirche: Kriegsgefangene und Soldaten in Frankreich berichteten von „Barmherzigen Schwestern“, die selbstlose Pflege der Verwundeten katholischen Glaubens und soziales Engagement auf beeindruckende Weise miteinander verbanden (Schmidt 1998, S. 29). In Deutschland gab es wenige solcher Pflegegenossenschaften. Aber sie wurden im 19. Jahrhundert verstärkt gegründet, und auch in Göttingen waren die Katholiken schneller (St. Michaelis). Schon bald nahm die evangelische Kirche auch in Göttingen die Barmherzigen Schwestern zum Vorbild und man überlegte, diese „Diakonissensache“, die sich langsam in Deutschland etablierte auch in Göttingen für die evangelische Kirche einzuführen (Weber-Reich 1999, S. 35).

Besonders die evangelische Erweckungsbewegung trieb die Bemühungen um Diakonissen voran. Sie erinnerten an die Verantwortung der Christen gegenüber ihren Mitmenschen und warben für Nächstenliebe und Güte gegenüber Armen und Bedürftigen (Weber-Reich 1999, S. 30).  So war die Hauptaufgabe der Diakonissen die Pflege der Kranken, und zwar ohne darauf zu achten, wo sie herkamen und wie viel sie besaßen (Weber-Reich 2004, S. 210). Auch die Missionierung war ein wichtiger Teil dieser christlichen Fürsorge. Der bürgerliche Protestantismus des 19. Jahrhunderts nahm eine fortschreitende Entchristlichung unter den einfachen Leuten wahr, der man mit der vorbildlichen Hingabe der Diakonissinnen entgegenwirken wollte. So lautete die Instruktion, dass der Kranke mit allen Mitteln gepflegt werden mussten, aber vor allem den Kindern mit Bibel und Gesangbuch beigestanden werden sollte (Weber-Reich 1999, S. 53-54). Beide Aufgabenfelder hatte die Diakonisse als Dienerin zu erledigen. Als Frau unterstand sie auf der einen Seiter dem Pastor, und auf der anderen Seite dem Arzt (Weber-Reich 1999, S. 42). Sie war zudem auch die Dienerin der Kranken, und sollte sie ohne Vorbehalte und ohne Rücksicht auf eigene Bedürfnisse pflegen.

Diese Philosophie lässt sich am eindeutigsten an den Arbeitsbedingungen erkennen. Die Diakonissinnen hatten fast täglich Hausbesuche und Nachtwachen in den Wohnungen der Armen zu leisten. Zwangsläufig ergab sich ein enger Kontakt zu den Kranken, da sie sie wuschen, fütterten, mit ihnen beteten und ihnen bis zum Tod beistanden. Auch in Göttingen erkrankten viele Schwestern an Typhus, doch da Erkenntnisse über Bakteriologie und Hygiene fehlten, machte man Gott für den Schutz der Diakonissinnen verantwortlich (Weber-Reich 1999, S. 47).

Alt-Bethlehem in Göttingen

In Göttingen entschloss man sich 1866 dazu, Diakonissen zu engagieren. Die Kirchenvorstandsmitglieger wählten aus ihren eigenen Reihen ein Komitee, dass die Arbeit der zwei aus dem Henriettenstift in Hannover angeforderten Diakonissen verwalten sollte (Weber-Reich 1999, S. 39). Der Vertrag, der Tätigkeitsfeld der Schwestern festlegte, wurde am 23.04.1866 unterzeichnet. Ein Mitspracherecht hatten die zwei Pflegerinnen allerdings nicht, da die Inhalte des Vertrages nicht mit ihnen abgesprochen wurden und auch keine je an den Sitzungen des Komitees teilnehmen durfte (Schmidt 1998, S. 213). Ein Gehalt erhielten sie zwar nicht, aber für Unterhalt wurde durch Spenden gesorgt, zu denen öffentlich im Göttinger Wochen- und Tageblatt aufgerufen wurde. Auch die nötigen Mittel für den Pflegedienst der Diakonissen wurde rein aus Spenden finanziert (Schmidt 1998, S. 210). Bevor die Diakonie als Station eröffnet wurde, bot der Göttinger Frauenverein den Diakonissen eine Wohnung in der Neustadt 12 an, in der sie unentgeltlich wohnen konnten (Weber-Reich 2004, S. 212). Im ersten Jahr gingen 76 Anträge aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten bei den Schwestern ein. Hauptsächlich handelte es sich bei den Patienten um Typhuskranke, deren Pflege intensivste Krankenbeobachtung erforderte (Weber-Reich 1999, S. 52). Alle Ausscheidungen mussten entfernt, Kleidung und Bettwäsche desinfiziert werden. Wickel und Umschläge sollten das Fieber und die Schmerzen lindern und Mundpflege den Geruch eindämmen. Durch diesen engen Kontakt infizierten sich die Pflegerinnen regelmäßig, sodass ein reger Wechsel im Personal herrschte.

Da die katholischen Schwestern Göttingens eine feste Station zur Verfügung hatten, wollte der evangelische Kirchenvorstand auch den evangelischen Diakonissen die Arbeit erleichtern und entschloss sich 1868 ein Haus für diese Zwecke zu bauen. Die Vorsteherin des Frauenvereins stiftete den Bauplatz in der Oberen Karspüle. 1870 wurde Alt-Bethlehem eröffnet. Es verfügte über 2 Krankenzimmer mit je 6 Betten, einen Saal, 2 Kammern, einen Baderaum, eine Küche und 2 Stuben für die Diakonissen (Weber-Reich 1999, S. 56–60). Auf der Station wurden viele Kinder aufgenommen, die an Skrofulose litten, also durch fehlerhafte Ernährung und eine unsaubere Umgebung erkrankt waren und ein erhöhtes Typhusrisiko hatten (Weber-Reich 1999, S. 65). Aus dem geplanten Kinderhospital wurde jedoch bald eher ein Kinderheim, da die Universität Göttingen der Diakonie keine geregelte ärztliche Versorgung zugestand – die Pädiatrie war noch ein neues Feld in der Medizin, und man fürchtete Konkurrenz (Weber-Reich 1999, S. 66–69). Neben den Kindern wuchs jedoch die Zahl der erwachsenen Patienten/innen stetig. So kamen allein 1871 104 Patienten/innen mit allerlei Beschwerden wie Scharlach, „Kopfgeschwür“, Rheuma und „Gemüthskrankheit“ zu den zwei Pflegerinnen. Erfreulicherweise starben weniger als 30 Patienten/innen und 63 konnten vollständig genesen (Weber-Reich 1999, S. 64).

Aufgrund des hohen Bedarfs wurde die Diakonie im Jahr 1880 um ein Gartenhäuschen erweitert, das als Kinderkrippe diente. Mit der Entwicklung der Medizin stand die kleine Diakonie jedoch immer wieder vor neuen Anforderungen. So wurde 1887 ein Operationssaal in Alt-Bethlehem eröffnet, was der Anstalt langsam den Charakter eines Privatkrankenhauses verlieh (Weber-Reich 1999, S, 82). Die Kinderstation gab es weiterhin, allerdings wurde im Obergeschoss der Klinik nun postoperative Pflege nach chirurgischen Eingriffen geleistet, die Ärzte der Universität an ihren Privatpatienten vornahmen (Weber-Reich 1999, S. 82f.). Am 9. Juli 1896 wurde deshalb der Betrieb von Neu-Bethlehem aufgenommen, denn noch immer wurde Alt-Bethlehem auch von Patienten/innen aus sehr armen Verhältnissen überrannt. Der Anteil von Langzeitpatienten/innen vor allem bei den Kindern stieg weiter an, sodass bald vom „Kinderheim“ Alt-Bethlehem die Rede war. Die Schwestern klagten in Briefen regelmäßig über die überfüllte Anstalt, und darüber, dass auch Fürsorge und Hygiene unter der räumlichen Enge litten. Schließlich wurde um 1900 das Nachbargrundstück erworben. Alt-Bethlehem wurde erweitertund den Kindern konnten mehr Platz und bessere Lebensumstände geboten werden (Weber-Reich 1999, S. 98).

Alt- und Neu-Bethlehem im 20. Jahrhundert

Ende des 19CCF29012013_00000. Jahrhunderts wurde das Krankenhaus „Neu-Bethlehem“ eröffnet. Der Neubau wurde im Kirchweg 8 errichtet. Er war größer als Alt-Bethlehem und wurde nicht mehr von einer Hausmutter geführt, sondern von einem Arzt (Weber-Reich 1999, S. 119). Allerdings kamen die Schwestern nach wie vor vom Henriettenstift Hannover. Am 19.06.1896 wurde das Privatkrankenhaus für Frauen eingeweiht. Die Patientinnen waren überwiegend wohlhabende Damen, die sich nicht von noch auszubildenden Ärzten in der Uniklinik behandeln lassen wollten (Weber-Reich 1999, S. 120). Im 20. Jahrhundert wurde Neu-Bethlehem ausgebaut. In Kriegszeiten wurde es zum Lazarett umgewandelt.

Die behandelnden Diakonissen standen vermehrt in der Kritik, da ihre Ausbildung den Anforderungen im Krankenhausbetrieb immer weniger entsprach. Die Universitätsklinik nahm Neu-Bethlehem für verschiedenste Fachrichtungen als Ausweichstation in Anspruch, sodass auch „freie“ Schwestern eingestellt wurden, um den Bedarf zu decken (Weber-Reich 1999, S. 145f). Doch seitens der Patienten/innen und Ärzte gingen wiederholt Beschwerden über die Ober- und vor allem OP-Schwestern ein, die teilweise vor Arbeitsantritt noch nie einen OP betreten hatten (Weber-Reich 1999, S. 148 ff). 1926 wurden Reformen eingeleitet, die die Ausbildung der Diakonissen verbesserten und sie mit mehr theoretischem medizinischen Fachwissen und praktischer Ausbildung ausstatteten (Weber-Reich 1999, S. 150). Alt-Bethlehem hingegen stellte den Krankenhausbetrieb offiziell ein und wurde 1931 zu einem Altenheim. 14 Damen des gehobenen Mittelstandes lebten während der NS-Zeit im „Damenstift“. Auf dem Nachbargrundstück befand sich „Klein Bethlehem“ in der Karspüle 24, das bis dato ein Frauenheim war. Auch dieses Gebäude wurde zum Altenheim, mit Platz für zehn Senioren (Weber-Reich 1999, S. 172 f). Die Diakonissen blieben in Alt- und Neu-Bethlehem bis in die 1960er Jahre präsent. Da Nachwuchs fehlte, verließ die letzte Schwester 1967 Alt-Bethlehem und übergab den Pflegedienst freien Schwestern (Weber-Reich 1999, S. 227).

Literatur

Köser, Silke (2006): Denn eine Diakonisse darf kein Alltagsmensch sein: kollektive Identitäten Kaiserswerther Diakonissen 1836 – 1914, Erfurt.

Schmidt, Jutta (1998): Beruf: Schwester: Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert, Frankfurt/Main.

Weber-Reich, Traudel (1999): Pflegen und Heilen in Göttingen: Die Diakonissenanstalt Betlehem von 1866 – 1966, Göttingen.

Weber-Reich, Traudel (2003): „Wir sind die Pionierinnen der Pflege“: Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jahrhundert am Beispiel Göttingen, Göttingen.

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Prostituierten-Wohnungen in der Düsteren Straße

von Wiebke Schneider

Prostitution hat eine lange Tradition und gilt als „ältestes Gewerbe der Welt“. Doch wie sah es vor Ort, in Göttingen aus? Auch dort gab es im 19. Jahrhundert – besonders in bestimmten Straßen – Wohnungen, in denen Frauen gegen Geld ihren Körper verkauften. Mehrere Prostituierte lebten im 19. Jahrhundert in der Düstere Straße. Der Ort bietet den Anlaß für Fragen: Was verbarg sich hinter dem Gewerbe? Wieso wählten die Frauen diesen Beruf und wie gestaltete sich ihr Leben? Die Lebensverhältnisse der Prostituierten in dieser Straße, aber auch im übrigen Stadtgebiet werden hier beleuchtet.

Die Prostituierten-Wohnungen in der Düsteren Straße

Die Düstere Straße in der Innenstadt läuft als zweite Straße des Nikolaiviertels nach Süden auf einen Turm und die Stadtmauer zu und ist schmal und dunkel (Klein-Paris) . Die vom 16. bis zum 18. Jahrhundert errichteten Fachwerkhäuser wurden von meist armen Leuten bewohnt. (Möller 1982, S. 48f.). Noch heute stehen neben neuen Bauten Fachwerkhäuser.

Häuserfront in der Düsteren Straße

Häuserfront in der Düsteren Straße

Früher befanden sich dort auffallend viele Prostituierten-Wohnungen. Überdurchschnittlich viele uneheliche Kinder wurden hier geboren, im 19. Jahrhundert nahezu in jedem Haus (siehe zu unehelichen Geburten: Accouchierhaus). Wohlsituierte Bürger differenzierten bei unehelichen Geburten selten, da für sie der Übergang zu „liederlichen Mädchen“, lockerer Moral und letzten Endes zur Prostitution als fließend galt (Gattermann 2009, S.38). Tatsächlich registrierte die Göttinger Polizei einige der Prostitution verdächtige Frauen. Ob der Beweis hierfür angetreten oder sie Opfer übler Nachrede wurden, ist unklar. Jedoch waren sie oft als Mütter unehelicher Kinder in den Geburtenregistern verzeichnet. Nachbarn beschwerten sich häufig bei der Polizei, damit das unerwünschte Gewerbe untersagt und Belästigungen wie Prügeleien und Lärm unterbunden wurden. Nach Polizeiberichten lebten in Prostituierten-Wohnungen in aller Regel unverheiratete Frauen. Ende des 19. Jahrhunderts waren solche Wohnungen beispielsweise in der Düsteren Straße Nr. 12, 17, 25 und 29. (Gattermann 2009, S. 39) Heute findet man dort normale Wohnungen, Läden, Firmen und z.B. auch den Deutschen Entwicklungsdienst.

Düstere Straße

Ärmliche Wohnhäuser in der Düsteren Straße

Prostitution in Göttingen

Ob es in Göttingen neben den Prostituierten-Wohnungen noch Bordelle gab, ist strittig. Das wird von Koerner und Reiter verneint (Koerner 1989, S.49 ff./ Reiter 1996, S. 167ff.). Laut Gattermann befanden sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch in der Geismar Chaussee 95, im Düsteren Eichenweg 47 und in der Groner Chaussee vier Bordelle, die von einer Wirtin bzw. Zuhälterin betrieben wurden. Sie waren also nahe des Bahnhofs, der Kaserne oder dem Ostviertel gelegen, der neuen Wohngegend der reichen Göttinger Bürger (Gattermann 2009, S. 30f.). Sicher ist, dass es Straßenprostituierte gab, und zwar von 1880 bis 1930 vier bis zwölf Frauen. (Koerner 1989, S. 46).

Oftmals prostituierten sich Frauen, die ihre Arbeit verloren und/ oder sich verschuldet hatten. Beispielsweise handelte es sich oft um schwangere Dienstmädchen, denen deshalb gekündigt worden war, und die ihre Schulden zurückzahlen mussten. (Koerner 1989, S. 41ff.).

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Kontrollen und Verordnungen zur Vorbeugung von Krankheiten und Sittenverstößen verschärft. Eine städtische Verordnung listete Orte auf, die zu meiden waren und legte die Höhe der Strafen bei Zuwiderhandlung fest. Ein Aufenthaltsverbot auf öffentlichen Plätzen ab gewissen Uhrzeiten und verpflichtende Gesundheitskontrollen wurden angeordnet (Koerner 1989, S.47). Diese Reglementierungen galten ausschließlich für anstößiges Verhalten der Frauen. Sie reglementierten keineswegs das Verhalten der Männer und verkörperten so die Doppelmoral der damaligen Gesellschaft (Koerner 1989, S. 42).

Bekannt ist, dass bereits 1893 Mädchenhandel in der Stadt betrieben wurde. Unter einem Vorwand in fremde Städte gelockt, arbeiteten sie unter Zwang als Straßenprostituierte oder im Bordell. Dies war allerdings keineswegs ein spezielles Göttinger Problem: 1910 wurde ein internationales Abkommen zum Kampf gegen Mädchenhandel geschlossen. Darüber hinaus wurde ein Hilfsverein gegründet. Er sollte fremden Mädchen Hilfe anbieten und ein Abrutschten in die Prostitution verhindern. Um diese Gefahr möglichst zu unterbinden, engagierten sich in diesem Verein auch Göttingerinnen und leisteten Präventionsarbeit (Koerner 1989, S.48). Das Ziel war präventiv, da sie nach den damaligen Ansichten durch das Abrutschen in die Prostitution bereits „verloren“ waren. Der Ehrverlust der Mädchen musste verhindert werden – dazu zählten außereheliche Beziehungen; aber auch Tanzveranstaltungen zu besuchen oder alleine abends durch die Stadt zu spazieren, galt als ehrenrührig (für die soziale Arbeit bürgerlicher Frauen siehe Frauenverein).

Die Prostituierten hatten einen schlechten Stand in Göttingen, da sie von Mitbürgern als „Aussätzige“ diskriminiert wurden. Zur Einhaltung der Sittlichkeitsbestimmungen wurden sie von der Sittenpolizei kontrolliert (Koerner 1989, S. 48). Die zur Eindämmung von Geschlechtskrankheiten verschärften gesundheitlichen Verordnungen und Kontrollen wurden von den Frauen vielfach durch einen Wechsel des Ortes umgangen. Da die meist mittellosen Prostituierten Heilbehandlungen und die zwei Gesundheitskontrollen pro Woche selten zahlen konnten, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts eine selbstständige „Krankenkasse für Prostituierte“ gegründet, die mit der Polizei-Krankenkasse kooperierte (Koerner 1989, S. 49).

Dennoch nahm die Zahl der Geschlechtskranken zu. Zu Beginn des 1. Weltkriegs war der Aufenthalt Prostituierter in der Nähe der Kaserne und des Bahnhofs untersagt.  Nach vorherrschender Meinung bedrohten sie die Gesundheit der Soldaten und damit die Schlagkraft des Heeres. Da Soldaten häufig bereits unter Geschlechtskrankheiten litten, musste sollte die Ansteckungsgefahr möglichst gering gehalten werden. Die Angst vor dem Versagen des Heeres war so groß, dass auch die Maßnahmen zur gesundheitlichen Kontrolle nochmals verschärft wurden. Trotzdem wurde die Prostitution staatlich organisiert, wobei nur die Frauen gesundheitlich kontrolliert wurden. Im Jahre 1916 wurde in Göttingen eine Beratungsstelle für Geschlechtskranke geschaffen – im norddeutschen Vergleich relativ spät (Koerner 1989, S.49).

Das Ende des 1. Weltkrieges veränderte die Situation dahingehend, dass die Polizei straffällige oder verwahrloste Frauen verstärkt betreute. Mit Beginn des Nationalsozialismus radikalisierte sich die Kontrollpolitik. Um die Übertragung von Geschlechtskrankheiten einzudämmen, veranlasste der Reichsminister des Innern am 9.9.1939 darüber hinaus, dass in allen deutschen Städten Bordelle gegründet werden sollten. Angeblich sollten Wehrmachtssoldaten und das übrige Volk vor der „Gefahr“ der Prostitution geschützt werden. Vor 1933 befand sich in Göttingen kein Bordell, jedoch etliche Straßenprostituierte, die sich ab dem Jahre 1934 nicht mehr auf öffentlichen Plätzen aufhalten durften. Das Bordell sollte in der Speckstraße 8 eingerichtet werden, wogegen die Bevölkerung bald mit Erfolg protestierte (Reiter 1996, S. 167 ff.).

In den 1950er Jahren begann eine weitere Phase der Tabuisierung der Prostitution. So wichen die Prostituierten-Wohnungen in der Düsteren Straße normalen Wohnhäusern, Firmen oder Läden. Heute sind keine Bordelle mehr im Stadtzentrum angesiedelt.

Literatur:

Gattermann, Claus Heinrich (2009), Am Rande der Gesellschaft. Uneheliche Geburten in Göttingen 1875 bis 1919, Göttingen

Koerner, Marianne (1989), Auf die Spur gekommen, Frauengeschichte in Göttingen, Göttingen.

Möller, Hans-Herbert (Hg.) (1982), Baudenkmale Stadt Göttingen

Reiter, Raimond (1996), Die Auseinandersetzung zur Einrichtung eines Bordells in Göttingen im zweiten Weltkrieg, in: Göttinger Jahrbuch (1996), S.167-176.

Bildquellen:

Bilder des Archiv des Göttinger Stadtmuseums

(Stand: 31.1.2013)

St. Michael – Die Katholische Gemeinde und ihre Armenfürsorge (Alt-Maria-Hilf)

von Frederik Scherler

Die Geschichte der Katholischen Gemeinde in Göttingen ist so bewegt wie die der Stadt selbst. Nach langen Widerständen hatte sich eine Gemeinde etabliert, die anfänglichen Anfeindungen zum Trotz, schließlich akzeptiert wurde. Dies geschah nicht zuletzt aufgrund ihrer umfangreichen Armenfürsorge.

Der Weg zur eigenen Gemeinde

In der im Augsburger Religionsfrieden dem protestantischen Einflussbereich zugeschlagenen Stadt Göttingen war die Gründung einer eigenständigen katholischen Gemeinde lange Zeit undenkbar. Dies wusste auch die katholische Kirche, die nicht zuletzt aus politischen Gründen ein allzu starkes Eintreten für eine solche lange Zeit unterließ. Dass dies ein heikles Thema war, wurde auch daran deutlich, dass Göttingen zusammen mit anderen Städten im Königreich Hannover nicht zum angrenzenden Bistum Hildesheim gehörte (Scharf-Wrede 1995, S.16).

Die Gründung der Gemeinde erfolgte auf Veranlassung einiger engagierter Privatpersonen. Da ein öffentliches Zelebrieren des katholischen Glaubens vom Rat der Stadt verboten worden war, traf man sich ab dem frühen 18. Jahrhundert zum Zwecke des Gottesdienstes und des Gemeindelebens in privaten Wohnungen. Erst im Jahre 1750 erhielt die Gemeinde das Recht, ein Haus im eigenen Namen zu erwerben (Wehking 1992, S.12). Jedoch galten weiterhin Einschränkungen. So musste der Gottesdienst in einem Zimmer zum Hofe, fern ab von den Augen der Öffentlichkeit ausgeübt werden. Die Erbauung und Fertigstellung der ersten Gemeindekirche erfolgte dann im Jahre 1789 in der Kurzen Straße (Wehking 1992, S.31); am äußersten Rande des damaligen Stadtgebiets, nachdem dort ein Grundstück von einem ortsansässigen Bürger erworben worden war. Erst im Jahre 1813 erfolgte dann die Errichtung des Kirchturms, da ein solcher bis dato katholischen Gemeinden im Königreich Hannover nicht gestattet wurde. Der Name der Gemeinde, St. Michael, ist keineswegs zufällig gewählt: Der Erzengel gilt in der christlichen Symbolik als der Bezwinger des Teufels und stand für die gegenreformatorische Aktivitäten der Jesuiten. Eine Aussage, die im Zusammenhang mit dem Minderheitenstatus und dem Missionsgedanken der Gemeinde zu deuten ist.

Zusammensetzung der Gemeinde

Wer im Göttingen des 18. und 19. Jahrhunderts dem katholischen Glauben anhing, war mit hoher Wahrscheinlichkeit ortsfremd und arm. Spinnerinnen aus dem nahegelenden Eichsfeld, die in den Manufakturen der Stadt angestellt wurden, gehörten ebenso dazu wie ehemalige Soldaten (Wehking 1992, S.15). Hierbei müssen zwei Gruppen unterschieden werden. Da sind zum einen Veteranen aus katholisch geprägten Gebieten, für die sich nach Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen aus unterschiedlichen Gründen (so zum Beispiel Invalidität) eine Rückkehr in die Heimat ausschloss. Eine Gruppe, die hierbei in der Literatur besondere Erwähnung findet, sind die französichen Veteranen des Siebenjährigen Krieges. Nach der Reichsgründung 1871 gesellten sich zu jener Gruppe aus dem Elsass stammende und in einer der Göttinger Kasernen stationierte Soldaten. Da jene Soldaten aktiv am sozialen Leben der Stadt teilnahmen, ist anzunehmen, dass sie auch in der Ausübung ihres Glaubens den Kontakt zur örtlichen Bevölkerung suchten.

Armenfürsorge

Katholische Armenfürsorge begann in Göttingen erst relativ spät. Zentral für das anfängliche Versorgungskonzept wurde das Haus „Klein-Paris Nr.16“ (heute Turmstraße). Dieses wurde der Gemeinde im Herbst 1865 vom Garnfabrikanten Ernst-Friedrich Vollmer geschenkt (Weber-Reich, 2003, S.193). Von nun an kümmerten sich hier drei Vinzentinerinnen, welche aus Hildesheim angeworben worden waren, um Arme und Kranke (siehe Diakonie). Der Orden der Vinzentinnerinnen geht bis auf das 17. Jahrhundert zurück und stammt aus Frankreich (Weber-Reich, S.42). Erst wenige Jahre zuvor hatte sich in Hildesheim ein solcher Stift gegründet (Weber-Reich, S.53). Der persönlichen Armut verpflichtet, boten die Vinzentinnerinnen vielen Frauen dennoch einen attraktiven Lebensweg, da zum einen wirtschaftliche Sicherheit garantiert wurde und zum anderen eine pflegende Berufe erlernt werden konnte (Pflegerin, Erzieherin etc.) (Weber-Reich, S.72). Andererseits steht zu beachten, dass trotz dieser progressiv anmutenden Praxis den Frauen in der Kirche einige Berufe nach wie vor verwehrt blieben (so zum Beispiel all jene Berufe, welche seelsorgerische Elemente beinhalteten). Neben der bereits erwähnten Krankenpflege gab es auch eine kleine Schule. Diese musste ihren Betrieb jedoch im Zuge des in der Gründungszeit des Deutschen Kaiserreich tobenden „Kulturkampfes“ 1876 wieder einstellen. Der Pflegebetrieb blieb davon jedoch unberührt. Im Jahre 1879 (Weber-Reich. S.198) wurde dann auf dem angrenzenden Gelände „Klein-Paris 22“ das Stift „Alt-Mariahilf“ erreicht. Die Wahl dieses Ortes ist durchaus kein Zufall. Zum einen befindet sich dieser in unmittelbarer Nähe zum Vollmerschen Haus und zur Gemeinde, zum anderen galten die Gegenden entlang der Stadtmauern im Allgemeinen und „Klein-Paris“ (heute Turmstraße) im Besonderen von jeher als Wohngebiet der Armen (Rohrbach 1987, S.185), welche auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch rund ein Fünftel der Göttinger Bevölkerung ausmachten (Sachse 1987,  S.173). Die Ausweitung der Armenfürsorge muss außerdem im Kontext des zu jener Zeit virulenten Wetteiferns der Konfessionen um die Gunst der Massen gesehen werden. Neben der Konkurenz innerhalb des christlichen Lagers gesellte sich die Angst vor einer voranschreitenden Säkularisierung und dem Entstehen, neuer, unkontrollierbarer Weltanschauungen, die in den Augen vieler Geistlicher die Massen immer weiter vom „Rechten Weg“ des Christentums entfernten. Als weitere Motivation kam hinzu, dass es gerade die katholische Kirche in Zeiten des bisimarkschen „Kulturkampfes“ schwer hatte, sich gesellschaftlich zu behaupten und nicht zuletzt deshalb versuchte durch eine umfangreiche Armenfürsorge die gegen sie erhobenen Vorwürfe zu entkräften.

Im Jahr 1896 wurde das Gebäude durch den Bau von „Neu-Mariahilf“ ersetzt (Weber-Reich 2003, S.200), da man den neuen, zeitgemäßen Anforderungen an ein Krankenhaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts gerecht werden wollte. Das Gebäude des „Neu-Mariahilf“ befindet sich auch heute noch in der Humboldtalle 10 und bildet den Kern eines modernen Krankenhauses.

Heute

Heutzutage befindet sich in dem Gebäude „Klein-Paris 22“  das Pfarrhaus der Gemeinde. Auch die Tradition der Armenfürsorge hat sich bewart. So findet in dem Gebäude die tägliche Ausgabe eines Mittagstisches für Bedürftige statt. Auch wenn die kleinen Häuschen und ärmlichen Baracken, die einst so charakteristisch für diese Gegend waren, längst verschwunden sind: Das Stigma der Armut und sozialen Ausgrenzung haftet der Straße bis heute an. Nicht zuletzt da sich hier seit vielen Jahren ein wichtiger Treffpunkt der Göttinger Drogenszene befindet.

Literatur:

Rohrbach, Rainer (1987): „Allerley unnützes Gesindel…“ Armut in Göttingen. In: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht; Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Stadtarchiv Göttingen 26. April – 30. August 1987, Hans-Georg Schmeling (Hg.). Göttingen.

Scharf-Wrede, Thomas (1995): Das Bistum Hilesheim 1866-1914, Hannover.

Weber-Reich, Traudel (2003):“Wir sind die Pionierinnen der Pflege…“, Bern.

Wehking, Sabine (1992), Ein jeder darf sich gleichen Rechts erfreu’n…“ Die Geschichte der Katholischen Kirche in Göttingen 1746-1990 (Studien zur Geschichte der Stadt Band 17), Göttingen.

Wieland, Sachse (1987), Göttingen im 18. Und 19. Jahrhundert, Zur Bevölkerungs und Sozialstruktur einer deutschen Universitätsstadt, Göttingen.

„Klein-Paris“ in der Turmstraße

von Annika Reincke

„Klein-Paris“ wurde die Turmstraße in Göttingen genannt, in der die armen Menschen der Stadt wohnten. Der folgende Artikel befasst sich mit dieser Wohngegend im 18. und 19. Jahrhundert und geht dabei auf die Bewohner/innen, die Wohnverhältnisse und deren Auswirkungen für die Menschen in der Turmstraße ein.

Bewohner/innen

Um 1730 betrug die Einwohnerzahl Göttingens ca. 5000 Menschen. Die Armen und Bettler der Stadt Göttingen machten ca. 28% der Stadt aus, jedoch vermutet man, dass die damalige Dunkelziffer bei ca. 50% lag (Rohrbach, 1987, S. 183). Nach Verzeichnissen der Stadt von 1763 war rund jeder zweite Bewohner Göttingens „nonvalent“, d. h. er war aufgrund von Armut nicht steuerpflichtig. Diese Menschen lebten vorrangig an den Stadträndern, wie zum Beispiel im Ritterplan, an der Neuen Leine oder eben in der Turmstraße, die vermutlich wegen der dort ausgeübten Prostitution auch „Klein-Paris“ genannt wurde. Ob die Menschen mithilfe von Prostitution in dieser Straße wirklich häufiger, als in anderen armen Wohngegenden Göttingens, ihr Geld verdienten, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. In den Augen wohlhabender Stadtbürger und vieler Studenten der Zeit ging Armut mit Ehrlosigkeit einher. Der Schweizer Student Carl Hochheimer berichtete z.B. 1791 von der „Straße die klein Paris genennet wird, und in welcher die Häuser mehr Schweineställen als Menschenwohnungen ähnlich sind“ (Hochheimer 1791, S. 40). Es kann sich folglich um einen Mythos handeln, wenn man die Turmstraße wegen ihrer Prostitution auch „Klein-Paris“ nannte. Dennoch –  die Hälfte der Bewohner/innen von Klein-Paris lebten von Prostitution und Bettelei, andere waren „kleine“ Handwerker, Tagelöhner und Arbeitslose (von Frieling 1988, S. 18-31). Die Einnahmen der Menschen betrugen oft nicht mehr als 14 Mark im Monat. Allerdings kosteten auch die „Armen-Wohnungen“ 90 Mark jährlich, weshalb die meisten Bewohner auf Unterstützung angewiesen waren (siehe hierzu auch Armen-Arbeitshaus) (Wever, 1988, S.112-116).

Wohnverhältnisse in „Klein-Paris“

Die Bewohner der Turmstraße lebten in aus heutiger Sicht kaum vorstellbaren Verhältnissen. Die Häuser, die die Stadt auf Lebenszeit an Arme vermietete, wurden auch als „Buden“ bezeichnet (Schwibbe, S. 151). Eine Wohnung in „Klein-Paris“ bestand aus zwei Räumen, die übereinander lagen und mit einer Leiter aus Brettsprossen miteinander verbunden waren. Der untere Wohnraum war zwei Meter breit, drei Meter lang und zwei Meter hoch. Er umfasste demzufolge nur zwölf Kubikmeter. Bewohnt wurde dieser Raum, in dem auch gekocht wurde, durchschnittlich von zwei Erwachsenen und vier Kindern. Der obere Raum, ebenfalls von zwei Erwachsenen und vier Kindern bewohnt, bestand aus lediglich 10,50 Kubikmeter.

"Klein-Paris" um 1900. Quelle: Rohrbach, 1987, S. 186.

„Klein-Paris“ um 1900. Quelle: Rohrbach, 1987, S. 186.

Der Nachtstuhl, der für alle Bewohner der Wohnung gedacht war, stand offen an der Leiter und musste jeden Tag eine längere Strecke fortgetragen werden. Ein Hofraum oder Ähnliches gab es in diesen Vierteln der Turmstraße nicht. Es gab sogar Wohnungen, die von der Grundfläche noch kleiner waren, in denen aber die gleiche Anzahl Menschen wohnte. Durch den heißen Ofen in den Wohnungen stank es und wurde entsetzlich heiß. Bei feuchtem Wetter wurden auch die Wände der Wohnungen feucht, wodurch es häufig zu Schimmel kam (Wever 1988, S. 112-116; Wedemeyer-Kolwe 2002, S. 466).

Auswirkungen

Neben der schlechten Ernährung war die katastrophale Wohnsituation in den armen Wohngegenden in Göttingen einer der Hauptgründe für die hohe Zahl der Erkrankungen. Mangelerkrankungen. Größere Anfälligkeit für epidemische Krankheiten waren hauptsächlich in der Unterschicht Göttingens zu finden. Die Kindersterblichkeit war hier besonders hoch. Für die hohe Zahl der Erkrankungen waren vor allem der Estrichboden in den Wohnungen und die niedrige Deckenhöhe mit der Hitze, dem Tabakqualm, dem Schimmel und dem Lichtdunst verantwortlich (Rohrbach, 1987, S. 187 ff.). Die damals sowieso schon schlechte Stadtluft wurde durch die engen Gassen in „Klein-Paris“ noch verschlechtert. Diphtherie, Scharlach und Masern waren weit verbreitete Krankheiten in Göttinge , die durch die schlechten Wohnsituationen verstärkt hervorgerufen wurden (Wever 1988, S. 112-116). Hunger und Krankheiten gehörten für die ärmeren Menschen Göttingens zum Alltag. Die Buden an der Stadtmauer wurden 1885 abgerissen; im Göttinger Adressbuch tauchte 1899 zum ersten Mal der neue Name Turmstraße auf.

Literatur

Frieling, Hans-Dieter von (1988): Der Bau des Gehäuses.Die Entwicklung der Stadt Göttingen seit dem 18. Jahrhundert. Ein Vergleich von Landkarten, in: Kornelia Duwe, Carola Gottschalk, Marianne Koerner (Hg.), Göttingen ohne Gänseliesel: Texte und Bilder zur Stadtgeschichte. Gudensberg-Gleichen, S. 18-31.

Rohrbach, Rainer (1987): „Allerley unnützes Gesindel…“ Armut in Göttingen, in: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht; Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Stadtarchiv Göttingen 26. April – 30. August 1987, Hans-Georg Schmeling (Hg.). Göttingen, S. 183-214.

Schwibbe, Gudrun (2002), Wahrgenommen. Die sinnliche Erfahrung der Stadt, Münster.

Wedemeyer-Kolwe, Bernd (2002): Göttinger Wohnkultur im 18. und 19. Jahrhundert, in: Ernst Böhme/ Dietrich Denecke (Hg.), Göttingen: Geschichte einer Universitätsstadt, Bd. 2: Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Anschluss an Preußen: Der Wiederaufstieg als Universitätsstadt (1648-1866), Göttingen, S. 451-478.

Wever, Fritz (1988), Wohnverhältnisse in Göttingen um 1900, in: Duwe u.a., Göttingen ohne Gänseliesel, S. 112-116.

Quelle

Hochheimer, Carl F.A. (1791), Göttingen: Nach seiner eigentlichen Beschaffenheit zum Nutzen derer, die daselbst studiren wollen, Lausanne.

Das Accouchierhaus

von Leonhard Link

Bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts waren Professoren der Universität Göttingen um die Entstehung und Konsolidierung einer akademischen Wissenschaft des Entbindens bemüht. In den 1790er Jahren wurde in der Universitätsstadt die erste explizit für diesen Zweck vorgesehene universitäre Entbindungsklinik im deutschen Sprachraum errichtet. Das  heutige Gebäude des Musikwissenschaftlichen Seminars in der Kurzen Geismarstraße beherbergte seit seiner Errichtung im ausgehenden 18. Jahrhundert (1785-91)  für gut hundert Jahre die Entbindungsklinik der Universität Göttingen.

Bereits vier Jahrzehnte zuvor war der Bau des am gleiche Ort befindlichen Heilig-Kreuz-Hospitals auf Initiative Albrecht von Hallers partiell umfunktioniert worden, um dem gerade nach Göttingen berufenen außerordentlichen Professor der Medizin, Johann Georg Roederer (1726-1763), Räumlichkeiten für Entbindungen zur Verfügung zu stellen (Schlumbohm 2012, S. 13-15). Die im Hospital erfolgenden Geburten sollten einerseits daserfahrungswissenschaftlich fundierte akademische Entbindungswesen etablieren und konsolidieren helfen. Andererseits sollte den Studenten der 1737 gegründeten Universität sowie einer marginalen Zahl an Hebammenschülerinnen praktische Ausbildung zuteilwerden. Sie sahen bei den Geburten zu und ausgewählte Studenten durften auch selbst Hand anlegen (Schlumbohm 2012, S. 20-21). Die Anfänge der ärztlich-akademischen Geburtshilfe in Göttingen standen also ganz im Geiste der Aufklärung. Der aus jahrhundertelanger Praxis gewonnen Erfahrung der Hebammen stand man misstrauisch gegenüber und setzte es sich zum Ziel, durch Beobachtung gewonnenes, „rationales“ und nicht zuletzt männliches Wissen zur Grundlage der Entbindungskunst zu machen (Schlumbohm 2012,S. 10-13). Die weibliche Domäne der Geburtshilfe wurde so Gegenstand eines Prozesses der Medikalisierung, der mit einer professoral-akademischen Maskulinisierung korrespondierte.

Bild Accouchierhaus

Das im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts errichtete Accouchierhaus in der Kurzen Geismarstraße. (Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Accouchierhaus_Goettingen_%28Stammbuchblatt%29.jpg)

Der Bau des Accouchierhauses

Bereits Roederer, der in seiner nach nur zwölf Jahren durch einen frühen Tod beendeten Amtszeit die Entbindung von 232 Geburten im Heilig-Kreuz-Hospital geleitet hatte, beklagte sich wiederholt über Platzmangel und den desolaten baulichen Zustand des Krankenhauses (Wehl 1931, S. 5). Doch auch unter der Leitung seines Nachfolgers Heinrich August Wrisberg blieben die baulichen Probleme weiter bestehen. Erst in der Amtszeit des jungen Professors Johann Friedrich Fischer (1759-1814), der 1782 nach Göttingen berufen wurde, sollte der Bau eines neuen „Accouchierhauses“ Abhilfe verschaffen (Kuhn u.a. 1987, S. 176). Die gleichzeitige Unterbringung von bis zu vierzehn Schwangeren sollte so möglich werden (Schlumbohm 2012, S. 286).
Fischer, der durch eine mehrere Jahre andauernde Reise Einblick in Hospitäler und Geburtskliniken in unterschiedlichen Regionen Europas erhalten hatte, war hinsichtlich der Planung für das Göttinger Gebäude vor allem durch den Kasseler Geburtshelfer Georg August Stein beeinflusst (Schlumbohm 2012, S. 26-28). Nun musste Überzeugungsarbeit hinsichtlich der Finanzierung geleistet werden. Für die Zustimmung vonseiten der königlich-hannoverschen Regierung waren vor allem bevölkerungspolitische Argumente ausschlaggebend: Von der Senkung der Kinder- und Müttersterblichkeit, die man sich von einer Institutionalisierung des ärztlichen Entbindungswesens versprach, erhoffte man sich ein für die militärische Stärke als notwendig interpretiertes Bevölkerungswachstum (Schlumbohm 1988, S. 154).

Kostengünstig war die zwischen 1785 und 1791 errichtete, luxuriös anmutende Entbindungsklinik nicht. Gigantische Flure, hohe Decken und ein ausladendes Treppenhaus sollten eine gute Belüftung gewährleisten und so der Gesundheit der Patientinnen förderlich sein. Zudem war das obere Stockwerk als Wohnung des Direktors vorgesehen (Schlumbohm 1988, S. 151). Angesichts alternativer Karriereperspektiven bewohnte Fischer die Direktorenwohnung jedoch nur ein Jahr lang.

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Unterschiedliche Anwendungen der Geburtszange nach Friedrich Benjamin Osiander. (Quelle:
Kuhn, Walther; Tröhler, Ulrich; Teichmann, Alexander; Deinhard, M. (1987), Armamentarium obstetricium Gottingense. Eine historische Sammlung zur Geburtsmedizin, Göttingen, S. 88.)

Die Entbindungsklinik unter Friedrich Benjamin Osiander

Sein Nachfolger wurde Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822), der in seinem 30 Jahre währenden Direktorat die Zahl der Geburten in die Höhe trieb. Osiander, der schon seit geraumer Zeit als selbstständiger Arzt eine Praxis für Geburtshilfe führte, war in Fachkreisen bereits durch mehrere „entbindungswissenschaftliche“ Publikationen bekannt (Schlumbohm 2012, S. 57-68). Zunehmend berüchtigt wurde Osiander durch den exzessiven Gebrauch der Geburtszange , worauf – so Osianders Wortwahl – „so manche Hebamme und so manches einfältige Weib“ mit „Vorurteilen“ reagierte (Schlumbohm 2012, S. 69). Von den 2540 durch Osiander geleiteten Geburten in der Entbindungsklinik entschied er, dass nur knapp mehr als die Hälfte „der Natur überlassen“ werden sollten – sie fielen somit in den Zuständigkeitsbereich der Hebammen – während die verbleibenden 1016 Geburten mithilfe der Zange und somit durch Männer durchgeführt wurden. Neben einigen wenigen Hebammenschülerinnen waren meist um die 20 Studenten bei diesen Geburten anwesend, einige durften bei den Untersuchungen helfen bzw. den Gebrauch der Zange einüben. (Schlumbohm 1988, S. 156)

Als besonders schockierend empfanden schon Osianders Zeitgenossen seine instrumentelle Haltung zu den Patientinnen des Accouchierhauses. Explizit formulierte Osiander, dass die gebärenden Frauen der Klinik und der Wissenschaft zu dienen hatten. Selbst die Leichen der verstorbenen Mütter und Säuglinge (knapp 13% starben bei der Geburt oder kamen tot zur Welt) (Schlumbohm 2012, S. 435) versuchte Osiander für wissenschaftliche Zwecke zu nutzen. Man sezierte die toten Körper oder präparierte verstorbene Föten, um sie als Puppen für Übungen am „Phantom“ (einem dem weiblichen Unterleib nachempfundenen Modell) zu nutzen bzw. nahm sie in die Sammlung der Klinik auf (Schlumbohm 1988, S. 159).

Die Patientinnen

Doch wer waren die Frauen, die ihre Kinder im Göttinger Accouchierhaus zur Welt brachten? Welche Motive bildeten die Grundlage für diese zur damaligen Zeit unübliche Entscheidung?

Osiander selbst berief sich auf die Offenheit des Hospitals: „jede Schwangere, Verheuratete und Unverheuratete, Inländerin und Ausländerin, Christin und Jüdin, Weiße und Negerin“ (Schlumbohm 2012, S. 279) sei als Patientin willkommen. Ausgeschlossen waren nur Frauen, die an ansteckenden Krankheiten litten (Schlumbohm 2012, S. 296). Tatsächlich waren die Schwangeren, die die Klinik aufsuchten, von breit gestreuter geographischer Herkunft und, hiermit in Zusammenhang stehend, unterschiedlichen religiösen Bekenntnisses.
Ihre soziale Herkunft jedoch war fast ausnahmslos gleich. Fast alle Frauen waren als Magd oder Dienstmädchen tätig. Zudem waren sie fast durchweg ledig, nach damaliger Vorstellung war ihre Schwangerschaft somit illegitim. Gerade einkommensschwache Frauen, die nicht auf die Hilfe eines Ehemanns rechnen konnten, entschieden sich also für die Entbindung im Accouchierhaus (Schlumbohm 2012, S. 279-286). Hier wurden ihnen kostenlose Verpflegung und Wohnraum zur Verfügung gestellt, zudem mussten sie nur leichte Arbeiten verrichten. Auch religiöse Motivationen mögen für ledige Schwangere in prekären Verhältnissen relevant gewesen sein. Im Betzimmer im Erdgeschoss des Gebäudes konnten sie die „Kirchenbuße“ tun, eine für uneheliche Schwangerschaften verlangte Handlung, die in den Gemeinden normalerweise öffentlich praktiziert wurde und neben stigmatisierenden Wirkungen auch eine Geldstrafe abverlangte, die im Kontext der Entbindungsklinik entfiel (Schlumbohm 1988, S. 152-153).

Für diese Leistungen hatten die schwangeren Frauen jedoch durchaus einen Preis zu zahlen. Weitestgehend ihrer Handlungsfähigkeit beraubt, wurden sie mit der Aufnahme ins Hospital zu Objekten einer Wissenschaft gemacht, die noch in den Kinderschuhen steckte. Schon bei der Aufnahme wurden die Frauen einer vermutlich als peinlich empfunden körperlichen Inspektion durch den männlichen Geburtshelfer unterzogen (Schlumbohm 2012, S. 399). Später folgten zweimal wöchentlich stattfindende Untersuchungen durch Studenten. Den häufigen Gebrauch der 40 cm großen Zange bei der unter Anwesenheit von Studenten stattfindenden Geburt begründete Osiander allein mit der Aussage, dies sei „zum Unterricht und zur Übung der Studenten“ notwendig (Schlumbohm 1988, S. 156-157). Nicht das Wohl der Schwangeren und des Kindes als Individuen stand im Vordergrund, sondern der kollektive Fortschritt der Wissenschaft.

Vom Accouchierhaus zur Frauenklinik

Bis zu seinem Tod im Alter von 63 Jahren reduzierte Osiander die Zahl der durch künstliche Hilfe durchgeführten Geburten jedoch zunehmend. Nachdem sein Sohn die Leitung des Hospitals vorübergehend übernommen hatte, erfolgte unter dem Direktorat Ludwig Julius von Mendes (1779-1832) eine Einbeziehung der Behandlung von nicht mit der Schwangerschaft in Zusammenhang stehenden spezifisch weiblichen Krankheiten in den Tätigkeitsbereich der Entbindungsklinik. So beschäftigte sich Mende etwa mit der Therapie des Gebärmutterhalskrebses, eine Thematik, die auch zum Gegenstand der Lehre werden sollte (Kuhn u.a. 1987, S. 180). Die gerade im Entstehen begriffene Gynäkologie hielt so Einzug in das Göttinger Hospital. Die Entwicklung vom Accouchierhaus zur Universitätsfrauenklinik kündigte sich an (Seidel 1998, S. 308-312).
Mendes Nachfolger, Eduard Caspar Jacob von Siebold (1801-1861), etablierte in den 50er Jahren eine bahnbrechende Neuerung der Medizin in der Praxis des Göttinger Accouchierhauses. Die Erfindung der Äthernarkose wurde nun für Kaiserschnitte nutzbar gemacht (Kuhn u.a. 1987, S. 181). Für die Mutter war diese Operation jedoch in den meisten Fällen immer noch tödlich (Seidel 1998, S. 362). Erst in den 1870er Jahren sollte die Einführung antiseptischer Wundbehandlungen in Geburtshilfe und Gynäkologie sowie die parallele Entwicklung neuer operativer Techniken eine realistische Überlebenschance der per Kaiserschnitt operierten Frauen ermöglichen (Kuhn u.a. 1987, S. 182-183).

Unter Leitung Max von Runges entschloss man sich am Ende des 19. Jahrhunderts, das Gebäude in der Kurzen Geismarstraße zu verlassen. Nicht zuletzt angesichts der Erweiterung des Zuständigkeitsbereiches der Klinik um die sich konsolidierende Gynäkologie war das alte Accouchierhaus zu klein geworden. Der 1896 bezogene Neubau in der Humboldtallee (inzwischen: Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin) beherbergt noch heute die von Roederer im 18. Jahrhundert begründete geburtsmedizinische Sammlung (Kuhn u.a. 1987, S. 183).

Literatur:

Schlumbohm, Jürgen (1988), Ledige Mütter als „lebendige Phantome“ – oder: Wie die Geburtshilfe aus einer Weibersache zur Wissenschaft wurde, in: Kornelia Duwe, Carola Gottschalk und Marianne Koerner (Hg.), Göttingen ohne Gänseliesel. Texte und Bilder zur Stadtgeschichte, Gudensberg-Gleichen, S. 150–159.

Kuhn, Walther; Tröhler, Ulrich; Teichmann, Alexander; Deinhard, M. (1987), Armamentarium obstetricium Gottingense. Eine historische Sammlung zur Geburtsmedizin, Göttingen.

Schlumbohm, Jürgen (2012), Lebendige Phantome. Ein Entbindungshospital und seine Patientinnen 1751-1830, Göttingen.

Seidel, Hans-Christoph (1998), Eine neue „Kultur des Gebärens“. Die Medikalisierung von Geburt im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland, Stuttgart.

Wehl, Hans (1931), Die Entwicklung der Geburtshilfe und Gynäkologie an Hand der Geschichte der Göttinger Universitäts-Frauenklinik in den Jahren 1751 – 1861, Göttingen. Univ. Diss.