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Die Göttinger Scharwache

von Timo Pietsch

Die Scharwache im heutigen „Alten Rathaus“ (Markt 9) ist seit fast 280 Jahren eng mit der Stadt Göttingen verknüpft. Immer war es ein Ort des Zusammentreffens. Während es heute einen Ort der Geselligkeit und der lukullischen Genüsse darstellt, war die Scharwache in ihrer Geschichte eher durch soziale und gesellschaftliche Konflikte geprägt. Denn auch wenn die Redensart davon ausgeht, dass sich der Dritte freut, wenn zwei sich streiten, so freute sich bei den in Rede stehenden Konflikten letztlich niemand. Auf eben diese Konfliktträchtigkeit des städtischen Zusammenlebens soll im Folgenden ein Blick geworfen werden.

Forschungsstand

Eine umfassende Geschichte der Göttinger Scharwache, die 1906 zum Ratsweinkeller umfunktioniert wurde (Binder 1990, S. 19), ist noch nicht geschrieben. Dies ist umso bedauerlicher, als doch schon die bereits vorliegenden, verstreuten Forschungsergebnisse die Bedeutung der Scharwache für die Göttinger Geschichte eindrucksvoll in Szene setzen.

Scharwache nach 1900 (Kelterborn 1936).

Scharwache nach 1900 (Kelterborn 1936).

Die 28 Jahre (1735-1763) nach der Einrichtung der Scharwache, in der sie ihre ursprünglich zugewiesene Funktion ausgeübt hat, sind in einem schönen Überblick dargestellt (Brüdermann 1990, S. 79-84). Eine erschöpfende Darstellung der folgenden 143 Jahre (1763-1906) fehlt jedoch. Immerhin finden sich für diesen Zeitraum einige Schlaglichter, jedoch unterschiedlichster Qualität (vgl. etwa Lüdtke 1988, S. 164-170; Waldwege 1934, S. 51; Alexander 1979, S. 8 f.).

Deutlich wird aus dem bislang Greifbaren, dass die Scharwache nicht nur als Indikator für die sozialen Ambivalenzen zwischen Stadt und Universität gesehen werden muss, sondern auch exemplarisch für die Göttinger Kompetenzstreitigkeiten zwischen den verschiedenen Verwaltungs- und Gerichtshoheitsträgern gewesen ist.

Die Scharwache – historischer Abriss

Ankündigung des „academischen Magistrats“ vom 1. September 1735

Ankündigung des „academischen Magistrats“ vom 1. September 1735

Von Seiten des „academischen Magistrats“ wurde am 1. September 1735 bekanntgegeben, „daß die wieder neu errichtete Schaar- und Nacht-Wache ihr Amt nunmehro antreten solle“, mit der Aufgabe „quietis publicae & securitatis vniuscuiusque vestrum custodes“ zu garantieren (Universita[e]ts-Neuigkeiten 1735, S. 3 f.), also „für öffentliche Ruhe und für die Sicherheit eines jeden Bürgers“ Sorge zu tragen (Übersetzung nach Schmeling 1987, S. 60).

Die bis 1734 personell wechselnde Bürgerwache erschien, in Anbetracht der antizipierten Konflikte, nicht mehr in der Lage die städtische Nachtruhe zu gewährleisten. Die Stadt orientierte sich an der Leipziger Universität, die – wie auch andere etablierte Universitäten – eine professionelle, mithin hauptamtliche, Wachtruppe eingesetzt hatte (Brüdermann 1990, S. 79). Nur eine solche schien in der Lage, den Auseinandersetzungen Herr zu werden, die mit dem Einzug einer neuen sozialen Gruppe, der Universitätsangehörigen, in die bestehende städtische Gesellschaft zu erwarten waren (vgl. Schmeling 1987, S. 59). Sie sollte der „mehrern Sicherheit und Bequemlichkeit der Stadt und Universita[e]t“ dienen (Hollmann 1787, S. 95).

Bereits die Bezeichnung „Scharwache“ spiegelt einen Teil ihres Aufgabenbereichs wieder. So diente die im Keller des Rathauses eingerichtete Lokalität  (Brüdermann 1990, S. 80) – die gleich der Institution als Scharwache bezeichnet wurde – vornehmlich als Sammel- und Anlaufpunkt, von dem aus die Scharwächter ihre Patrouillen begannen und an dem sie diese auch wieder beendeten. Dies stellt die wesentlichen Abgrenzung zur Schildwache dar, die einen örtlich festen Wachposten einnimmt, aber nicht patrouilliert (Grimm/Grimm 1893, Sp. 2227 f.).

Die Scharwache nahm mit ca. zwölf Mann im September 1735 ihre Tätigkeit auf (Brüdermann 1990, S. 79 setzt den Beginn wohl ungenau im Mai 1735 an; vgl. Schmeling 1987, S. 60). Das Personal war jedoch auf Grund seiner physischen Konstitution den vorgesehenen Aufgaben kaum gewachsen. Nicht nur rekrutierten sich die Scharwächter regelmäßig aus soldatischen „Invaliden“, die zum übermäßigen Alkoholkonsum – auch während des Dienstes – neigten. Vielmehr betrug ihr Altersdurchschnitt beispielsweise im Jahr 1736 48 Jahre, wobei der Älteste auf 71 Lebensjahre zurückblicken konnte (Brüdermann 1990, S. 79-81). Dementsprechend waren schon die regulären Verpflichtungen belastend, die sie im Rahmen ihrer Patrouillen zu erfüllen hatten – wie das Überwachen der Einhaltung der Sperrstunde, das frühzeitige Melden von Bränden sowie die allgemeine Sicherung von Ruhe und Ordnung. Konflikte mit Studenten – wie sie etwa aus der Kontrolle ihrer Stubengesellschaften resultieren konnten – waren kaum zu bewältigen (Brüdermann 1990, S. 80 f.).

Insbesondere auf Grund der im Folgenden darzustellenden sozialen Konflikte und Kompetenzstreitigkeiten wurde die Scharwache 1756 einer grundlegenden, jedoch vergeblichen Revision unterzogen und schließlich in ihrem ursprünglichen Aufgabenbereich durch „eine von der Schaarwache verschiedene Ja[e]ger- oder Polizeywache“ (Meiners 1801, S. 275) ersetzt. Die Institution Scharwache war damit, soweit ersichtlich, bereits nach 28 Jahren endgültig erloschen. Die Bezeichnung der Lokalität auf der Rückseite des Rathauses als „Scharwache“ blieb jedoch bestehen. Die verbliebene „kleine Scharwache“ (so Brüdermann 1990, S. 84) für rein städtische Angelegenheiten war weiterhin im Rathaus ansässig, scheint jedoch wieder als Bürgerwache konstituiert gewesen zu sein (jedenfalls in den 1830er Jahren: Lüdtke 1988, S. 164).

Handlungsunfähigkeit durch Kompetenzkonflikte und akademische Distinktion

Das zentralste Problem der Scharwache war, dass sie zwar organisatorisch sowie in ihrer Gerichtsbarkeit der Stadt zugeordnet war, jedoch gegebenenfalls auch universitärer Weisung unterlag. Dies war das Resultat einer „Generalrequisition“, die erforderlich schien, damit die Studentenschaft sich bei Zugriffen durch die Scharwache nicht in ihrer akademischen Freiheit beschnitten sehe (Brüdermann 1990, S. 79 f.).

Das Dilemma, in dem sich die Scharwache als Institution befand, fasste der Göttinger Ordinarius Christoph Meiners 1801 wie folgt zusammen: „Die Schaarwache mochte sich benehmen, wie sie wollte, so that sie weder den Studierenden, noch der akademischen Obrigkeit jemals Genu[e]ge. Bald klagte man, daß sie zu spa[e]t, oder nicht nachdru[e]cklich genug gesteuert; viel ha[e]ufiger, daß sie die Studierenden u[e]ber die Gebu[e]hr gemißhandelt habe“ (Meiners 1801, S. 273 f.). Sie wurde quasi handlungsunfähig. Verwaltungskonflikte waren ohnehin ein Göttinger Spezifikum, so konstatiert etwa der Göttinger Jurist Georg Heinrich Oesterley, dass „[i]n keiner Stadt der Hannoverschen Lande […] sich eine verwickeltere Gerichtsverfassung, als in Göttingen“ finde (Oesterley 1833, S. 1).

Jedoch nützte dieser Vermittlungsversuch in Form der „Generalrequisition“ zwischen Stadt und Universität nichts. Denn es bestand von Anfang an Feindschaft zwischen den Studenten und den Scharwächtern, die vom akademischen Nachwuchs abwertend als „Schnurren“ bezeichnet wurden. Die tiefe Abneigung veranlasste die Studenten nicht nur zu Allianzen mit ihnen grundsätzlich ebenfalls ungeliebten Personengruppen (Soldaten, Handwerker), sondern nahm mithin 1736 sogar tödlichen Ausgang; Scharwächter Christian Kasten starb durch einen Degenstich ins Herz (Brüdermann 1990, S. 83 f., 461-464).

Generell ist für die Studentenschaft das immer wiederkehrende Insistieren auf ihre akademische Freiheit sowie die Betonung ihrer studentischen Ehre charakteristisch (vgl. etwa Brüdermann 1990, S. 464-469; Tütken 1999, S. 41-48).

Wie weit es allerdings tatsächlich mit der Ehre der studiosi her war, zeigt sich an zahlreichen und verschiedensten Stellen. Universitäts-Prediger Gottfried Leß etwa charakterisierte die Studentenschaft der Anfangsjahre, anlässlich seiner „Jubelpredigt“ zum 50jährigen Universitätsjubiläum folgendermaßen: „Mehr ein Schwarm von Bachanten und Unsinnigen, als eine Gesellschaft von So[e]hnen der Musen und Lieblingen der Wissenschaften. Jn den Ho[e]rsa[e]len: Tumult; Grobheit; Barbarey; auf den Strassen, Geschrey und fu[e]rchterliches Getu[e]mmel am Tage und des Nachts Schrecken und Verwu[e]stung! Viel grobe Unthaten, auch Morde der Studierenden“ (Pütter 1788, S. 408; dazu auch Nissen 1972, S. 38).

Auch der wütende Brief einer Mutter, der Baronin von Moringen, an ihren Filius vom 11. August 1756, legt beredtes Zeugnis vom ehrenvollen Studentenleben ab, wenn sie schreibt: „Seine Schmierereien habe ich erhalten und daraus gesehen, daß Er beim Schreiben derselben voll und toll sein mußte wie eine Haubitze, auch riecht das Briefpapier so er verwendet hat, nicht nach dem Studierzimmer eines braven Studenten, sondern es stinkt nach einem ganz gemeinen Parfum, nach Tabak und Kneipe. […] der Donner soll hereinschlagen, wenn ich Ihm nicht seine Marotten aus dem Schädel treibe. […] Ich aber erwarte mit nächstem Schreiben das Versprechen, sich zu bessern, sonst lasse ich anspannen und sehe selbst nach dem Rechten“ (Klein/Müller-Ruguski 1986, S. 70 f.).

Besonders eindrucksvoll präsentiert sich die studentische Distinktion zudem im poetischen Gewande des 1734 verfassten „Reglement für einige auf der Universität Göttingen grob gesinnte“ (Unger 1861, S. 165; dazu auch Kühn 1987, S. 150-152):

„Bürger, lernet höflich sein,
sonst wird man euch Mores lehren,
Euren Buckel blau verkehren,
und die Fenster schmeissen ein.
Sollen euch nicht Pursche brühen,
Müsst ihr fein den Hut abziehen,
Damit legt ihr Ehre ein,
Bürger, lernet höflich sein.
Nennt die Purschen nicht mehr Er,
Wenn ihr sie um etwas fraget,
Redet ihr mit Uns, so saget:
Was befehlen Sie, mein Herr!
So wird man euch höflich nennen,
Euch für kluges Volk erkennen,
Und euch schadet nimmermehr;
Nennt die Purschen nur
nicht Er.
Bürger, schwäntzt die Purschen nicht,
Wollt ihr eure Nahrung treiben,
Muss Betrügerei wegbleiben,
Dieses dient euch zum Bericht.
Mit dem tische, Stub’ und Bette
Schnellt ihr Pursche um die Wette,
Weil euch noch die Kitzel sticht,
Bürger, schwäntzt die Pursche nicht.
Jungfern, denket auch daran,
Machet, seht ihr uns von ferne,
Eure Complimentgen gerne,
Sonst hängt man euch Kletten an.
Wolt ihrs mit der Grobheit wagen,
Wird man künfftig zu euch sagen:
Grobe Keule, pfui dich an!
Jungfern, denket nur daran.“

Erst nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges (1763) „sah man ein, daß es theils unschicklich sey, ehrlose Menschen, und eine ho[e]chst geehrte und edle Jugend von denselbigen Personen angreifen und ergreifen zu lassen“ (Meiners 1801, S. 274). Daher stand die nunmehr eingerichtete Jägerwache auch unmittelbar der Universität zur Verfügung (Brüdermann 1990, S. 84 f.).

 

Literatur:

Alexander, Wolfgang (1979): Als die moderne Zeit die Scharwache und Nachtwächter in der Stadt überholte, in: Göttinger Monatsblätter 6, Nr. 69, S. 8-9.

Binder, Leonore (1990): Hermann Schaper und die Neugestaltung des Göttinger Rathauses 1883-1903, Göttingen. (Studien zur Geschichte der Stadt Göttingen; Bd. 16).

Brüdermann, Stefan (1990): Göttinger Studenten und akademische Gerichtsbarkeit im 18. Jahrhundert, Göttingen. (Göttinger Universitätsschriften. Serie A: Schriften; Bd. 15). (Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1987).

Kühn, Helga Maria (1987): Studentisches Leben im Göttingen des 18. Jahrhunderts nach zeitgenössischen Berichte, Briefen, Reisebeschreibungen und Akten des Stadtarchivs, in: Hans-Georg Schmeling (Hrsg.), Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Stadtarchiv Göttingen. 26. April – 30. August 1987, Göttingen, S. 145-181.

Lüdtke, Alf (1988): Polizeiliches Einschreiten und „Menschengefühl“. Zwei Szenen aus dem Göttingen von 1830, in: Kornelia Duwe/Carola Gottschalk/Marianne Koerner (Hrsg.): Göttingen ohne Gänseliesel. Texte und Bilder zur Stadtgeschichte, Wieden.

Schmeling, Hans-Georg (1987): Stadt und Universität im Spiegel der ersten Göttinger Wochenblätter, in: ders. (Hrsg.), Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Stadtarchiv Göttingen. 26. April – 30. August 1987, Göttingen, S. 31-72.

Tütken, Johannes (1999): Die Forderung nach Aufhebung der akademischen Gerichtsbarkeit im Revolutionsjahr 1848 und ihr Scheitern. Gleichheit und Ungleichheit vor Gericht und Polizei, in: Georgia Augusta. Nachrichten aus der Universität Göttingen 70, S. 41-49.

Quellen:

Grimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1893): Deutsches Wörterbuch, Bd. 14 (Bd. 8: R – Schiefe). Leipzig [Nachdruck: München 1984]. Online verfügbar unter URL: http://dwb.uni-trier.de/de/.

Hollmann, Samuel Christian (1787): Die Georg-Augustus-Universita[e]t zu Go[e]ttingen, in der Wiege, in Jhrer blu[e]henden Jugend, und reiffererm Alter. Mit unpartheiischer Feder entworfen von Einem Jhrer Ersten, und nun allein noch u[e]brigem, Academischem Lehrer. Hrsg. v. Johann Beckmann. Göttingen. Online verfügbar unter: URL: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN638577810.

Kelterborn, Ernst (1936): Göttinger Rathaus und Marktplatz im Wandel der Zeit, Göttingen.

Klein, Diethard H./Müller-Roguski, Teresa (Hrsg.) (1986): Göttingen. Ein Lesebuch. Die Stadt Göttingen einst und jetzt in Sagen und Geschichten, Erinnerungen und Berichten, Briefen und Gedichten, Husum.

Meiners, C[hristoph] (1801): Ueber die Verfassung und Verwaltung deutscher Universita[e]ten, Bd. 1. Göttingen. Online verfügbar unter: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10733812-9.

Nissen, Walter (1972): Göttingen gestern und heute. Eine Sammlung von Zeugnissen zur Stadt- und Universitätsgeschichte, Göttingen.

Oesterley, [Georg Heinrich] (1833): Darstellung der Gerichtsverfassung in der Universitätsstadt Göttingen, Göttingen. Online verfügbar unter: http://books.google.de/books?id=YlREAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false.

Pütter, [Johann Stephan] (1788): Versuch einer academischen Gelehrten-Geschichte von der Georg-Augustus-Universita[e]t zu Go[e]ttingen. Zweyter Theil von 1765. bis 1788, Göttingen. Online verfügbar unter: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN333024753.

Unger, Friedrich Wilhelm (1861): Göttingen und die Georgia Augusta. Eine Schilderung von Land, Stadt und Leuten in Vergangenheit und Gegenwart für Einheimische und Fremde, Göttingen. Online verfügbar unter: http://books.google.de/books?id=53wAAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false.

Universita[e]ts-Neuigkeiten (1735), in: Wo[e]chentliche Go[e]ttingische Nachrichten, hrsg. v. Samuel Christian Hollmann, XXX. Stu[e]ck. v. 5. September 1735, S.3-4. Online verfügbar unter: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN719962684.

Waldwege, Fritze vom (1934): Von der alten Chöttinger Scharwache. Dem Leben nacherzählt, in: Alt-Göttingen. Blätter zur Geschichte der Universitätsstadt. Beilage der Göttinger Zeitung, Nr. 17, S. 51.

Stand: 31.01.2013

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Die „Herberge zur Heimath“

Christliche Armenfürsorge mit Hang zur Kontrolle?

von Johanna Mencke

Am Leinekanal 2 ist heute ein Altenheim zufinden. Im 19. Jahrhundert jedoch diente die Fürsorge einer anderen Bevölkerungsgruppe als den Senioren, nämlich jungen Handwerkern auf Wanderschaft. Als „Herberge zur Heimath“ fungierte das Gebäude lange Zeit als Teil der protestantischen Armenfürsorge Göttingens, die wandernden Handwerkern ein Obdach gewährte.

Die Brüder Grimm, die Zeit ihres Lebens in Göttingen lebten, überlieferten uns das idealisierte Bild eines jungen Mannes auf Wanderschaft im 19. Jahrhundert: Hans im Glück. Doch in der Realität sah dies das ganz anders aus – Wanderer hatten mit Elend, Armut und Obdachlosigkeit zu kämpfen. Einen Einblick in das Leben und Wohnen der jungen Handwerker von damals ermöglicht die „Herberge zur Heimath“. Bevor auf das Gebäude direkt eingegangen werden kann, müssen grundlegende Tendenzen erläutert werden, die das Handwerk im 19. Jahrhundert maßgeblich verändert haben und erst zur Notwendigkeit einer solchen Herberge geführt haben.

Die Einführung der Gewerbefreiheit und die Erosion der Zunftordnung bedeutete sukzessiv das Ende der Sozialform des „ganzen Hauses“, einer „Arbeits-und Lebensgemeinschaft der Gesellen und ihrer Meister im meisterlichen Haushalt“ (Schmuhl/Winkler 2009, S. 23). Den Gesellen fehlte also ein Obdach und sie waren während ihrer Wanderung, die lange Zeit Voraussetzung für die Meisterprüfung war, auf Hilfe angewiesen. In den Augen des christlichen Bürgertums führte der ökonimische Wandel zu einem „sittlich-moralischen Niedergang des Wandergesellentums“, denn die Meister konnten nicht wie vorher neben der Wissensvermittlung auch für die Bewahrung vor unsittlichem Verhalten und eine christliche Erziehung sorgen. Ort ebendieser sittlichen Verwilderung waren nach Überzeugung von Staat und Bürgertum auf Grund von schlechten Zuständen, Alkohol, Glücksspiel und Überbelegung so genannte „wilde“ Herbergen, das heißt Möglichkeiten der Unterkunft und Verpflegung in Zunft- und Gewerksherbergen. (Schmuhl/Winkler 2009, S. 20-24). Schließlich wandten sich Männer aus dem Milieu des erweckten Protestantismus dem Problem zu. Eine Besserung der Verhältnisse sollte durch eine Reorganisation der Gesellschaft unter den Schlagworten „Zucht“, „Gehorsam“, „Glaube“ und „Gottesfurcht“ stattfinden (Schmuhl/Winkler 2009, S .21-22).

Das Konzept der „Herbergen zur Heimath als Alternative zu den „wilden Herbergen

Auch Clemens Theodor Perthes (1809 – 1867), Bonner Stadtverordneter und Mitglied der städtischen Armenverwaltung, sah die „wilden“ Herbergen als Gefahr für das Allgemeinwohl. 1849 war er an der Gründung eines Lokalvereins für Innere Mission beteiligt, der sich der fürsorgerischen Tätigkeit für wandernde Handwerksgesellen annehmen wollte. Im Zuge dieser Arbeit gründete er die erste „Herberge zur Heimath“ 1854 in Bonn. Das für diese Herberge entwickelte Konzept hatte das Ziel die wandernden Gesellen durch ein sauberes Bett, Verpflegung und Möglichkeiten zur Körper- und Kleiderpflege vor der Verwahrlosung zu schützen. Die restriktive Hausordnung, die jede „Herberge zur Heimath“ hatte, resultierte aus der Annahme, dass die individuelle Not der Wanderer eine Folge moralischen Versagens sei. So „nahm die gut gemeinte diakonische Hilfe einen patriarchal-erzieherischen Charakter an“ (Schmuhl/Winkler 2009, S. 37). Die Herberge sollte offen für jede Glaubensrichtung sein und vor Versuchungen wie „Alkohol, Müßiggang, Glücksspiel, Prostitution und homosexuellen Kontakten“ bewahren. Außerdem sollte der Strom der Wanderer allmählich von den „wilden“ Herbergen weggelenkt werden (Schmuhl/Winkler 2009, S. 32-34).

Wanderarbeitsstätten für zahlungsunfähige Wanderer

Da „Herbergen zur Heimath“ nur zahlende Gäste aufnehmen konnten, wurden flächendeckend Naturalpflegestationen gegründet, die später in Wanderarbeitsstätten (ab 1911 auch in Göttingen)
umbenannt wurden, um auch die nicht zahlungsfähigen Armen unterstützen zu können. Die Arbeitsstätten boten Mittellosen die Gelegenheit, sich durch diverse Arbeiten Kost und Logis für eine Nacht zu verdienen, bevor sie wieder weiterwandern mussten. Diese temporären Schutzräume, die Erziehungseinrichtungen ähnelten, folgten dem Prinzip „Arbeiten statt Almosen“ (Schmuhl/Winkler 2009, S. 41).

Da die Stadt Göttingen auf einer der vorgeschriebenen Wanderstraßen lag, wurde sie von auffällig vielen Wanderarmen durchreist, alleine 1898 waren es 2100 Reisende. 1886 machten die wandernden Tischler und Dachdecker sogar die Hälfte der in Göttingen ansässigen Handwerker ebendieser Bereiche aus.

Die „Herberge zur Heimath“ in Göttingen

Das Konzept der Herberge zur Heimat gewann im Laufe der Jahre über Bonn hinaus an Popularität, sodass auch in anderen Städten Herbergen gegründet wurden. Gab es 1874 in 98 deutschen Städten und Gemeinden „Herbergen zur Heimath“, so stieg deren Anzahl bis 1890 bereits auf 362.

Bei einer Versammlung von interessierten Bürgern Göttingens zur Errichtung einer „Herberge zur Heimath“, entstand am 07.02.1872 ein Verein für die Gründung einer solchen Herberge. Am 24.02.1880 eröffnet schließlich die „Herberge zur Heimath“ im alten Schulhaus St. Johannis. Da schon am ersten Abend 13 Schlafgäste verzeichnet wurden, überraschte es nicht, dass das Gebäude schnell zu klein wurde.

Hofer: Statuten der Herberge zur Heimath, Göttingen 1879.

Hofer (1879): Statuten der Herberge zur Heimath, Göttingen.

Am 08.11.1889 wurde der Neubau am Leinekanal 2 eingeweiht. Die  Grundlagen des Konzeptes von Perthes finden sich auch in der Hausordnung der „Herberge zur Heimath“ in Göttingen wieder: Neben Alkohol waren Glücksspiel und Vandalismus strengstens verboten.

1912 wurde der erste Stock des Gebäudes als christliches Hospiz eingerichtet, um die Finanzierung zu sichern. Im August 1914 wurden außerdem 50 Betten als Lazarett zur Verfügung gestellt. Seit 1952 wird die ehemalige „Herberge zur Heimath“ am Leinekanal 2 als Altenheim genutzt und seit 1964 vom Diakonischen Werk Göttingen e.V.  getragen (Robrecht-Krause 1992, S. 4-18).

Während also die Herbergen zur Heimat für zahlungsfähige Gesellen auf Wanderschaft gedacht waren, richtete man Wanderarbeitsstätten für mittellose Wanderarme ein. Zusätzlich gab es Arbeiterkolonien für nicht oder schwer vermittelbare Arbeiter. Diese Vielfalt und starke Auffächerung zeigt eine starke Expansion und Ausdifferenzierung der protestantischen Armenfürsorge für die wandernden Bedürftigen seit der Gründung der ersten Herberge zur Heimat im Jahr 1854. Ebendiese Vielfalt an Möglichkeiten zur Fürsorge hatte für viele Menschen die Folge, das Wandern als eine Art „Lebensberuf“ zu ergreifen, eine Tendenz, die man ursprünglich hatte verhindern wollen (Schmuhl/Winkler 2009, S. 42/51).

Stand: 30.01.2013

Literatur

Robrecht-Krause, Elsbeth (1992), Göttingen Am Leinekanal 2. Herberge zur Heimat – Mädchenheim – Altenheim. 100 Jahre Leben und Wirken in einem Haus, Göttingen.

von Saldern, Adelheid (1973), Vom Einwohner zum Bürger. Zur Emanzipation der städtischen Unterschicht Göttingens 1890-1920. Eine sozial-und kommunalhistorische Untersuchung, Berlin.

von Saldern, Adelheid (1984), Auf dem Wege zum Arbeiter-Reformismus. Parteialltag in sozialdemokratischer Provinz Göttingen (1870-1920), Frankfurt.

Schmuhl, Hans-Walter/ Winkler, Ulrike (2009), Das Evangelische Perthes-Werk. Vom Fachverband für Wandererfürsorge zum 
diakonischen Unternehmen
, Bielefeld.

Quellen

Hofer (1879): Statuten der Herberge zur Heimath, Göttingen.

Die Siedlung im Ebertal

Gefangenenlager des Ersten Weltkrieges und spätere Notsiedlung

von Malina Polauke

Als Stadt in der Mitte des Deutschen Reiches war Göttingen während des Ersten Weltkrieges nicht direkt von Kriegshandlungen betroffen. Durch die Anweisung, Kriegsgefangene in Göttingen zu versammeln, und durch die damit verbundene Errichtung eines Kriegsgefangenenlagers im Ebertal war der Krieg nach den ersten Monaten auch in Göttingen angekommen. In der Funktion als Kriegsgefangenenlager hatte die Siedlung im Ebertal bis zum Ende des Ersten Weltkrieges Bestand. In der Nachkriegszeit diente das Lager als Notsiedlung, unter anderem für aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte deutsche Soldaten und deren Familien. Bis zu ihrer „Beseitigung“ zu Beginn der 1960er Jahre wohnten in der Siedlung im Ebertal Göttinger Familien aus der Arbeiterschicht.

Das Gebiet des ehemaligen Lagers wird heute von den Straßen Wörthstraße, Breslauer Straße, Görlitzer Straße, Merkelstraße, Himmelsbreite und Beethovenstraße eingeschlossen.

Die Anfänge

Bereits im August 1914 trafen die ersten Kriegsgefangenen in Göttingen ein, die zunächst in Lazaretten an verschiedenen Orten in der Stadt untergebracht wurden. Schon wenig später folgte die Anweisung durch das Generalkommando des X. Armeekorps, dass in Göttingen insgesamt 10.000 Kriegsgefangene aufgenommen werden sollten und dass zu diesem Zweck ein Kriegsgefangenenlager errichtet werden müsste. Im Ebertal, auf einem circa 13 Hektar großen Gebiet hinter den städtischen Kasernen (siehe auch: Die Garnison zu Göttingen), einem früheren Weizenfeld, wurde durch eine Firma und mit der Arbeitskraft von 180 Kriegsgefangenen das Lager errichtet. Das Lager mit seinen insgesamt über 200 Baracken war an die Kanalisation und an das Gleichstromnetz der Stadt angeschlossen (Mirwald 1989, S. 89f.; Stange 1935, S. 130).

LageplanQuelle: Stadtarchiv Göttingen

Lageplan
Quelle: Stadtarchiv Göttingen

Allgemeines

Das Lager war in drei große Bereiche aufgeteilt. Zum einen gab es das Alte Lager, welches mit insgesamt 150 Bauten den größten Teil des Gefangenenlagers darstellte. Darunter waren 84 Baracken, in denen die Kriegsgefangenen lebten. Diese waren jeweils in vier Räume eingeteilt, zwei für die Mannschaften und zwei für die Unteroffiziere. Zum anderen gab es ein Lazarett und Absonderungslager mit 22 Bauten, welches von dem Alten Lager abgesperrt war und wo die kranken Gefangenen untergebracht waren. Das Neue Lager wurde erst später erbaut und diente mit seinen 45 Bauten besonders der Unterbringung der Wachmannschaften (Mirwald 1989, S. 90; Mirwald 1989, „Lageplan zum Kriegsgefangenenlager“).

In dem Lager wurden viele verschiedene Nationalitäten untergebracht, so kamen die Kriegsgefangenen aus Frankreich, England, Russland, Italien, Belgien, Kanada, den USA und Afghanistan (Mirwald 1989, S. 90; Meinhardt 1975, S. 8).

Die Kriegsgefangenen hielten sich nicht den gesamten Tag im Gefangenenlager auf, sondern wurden für Arbeitsdienste in der Industrie, in der Landwirtschaft und bei gemeinnützigen Aufgaben eingesetzt. Da sich der größte Teil der arbeitenden deutschen Bevölkerung als Soldaten im Krieg befand und somit Engpässe in den Fabriken und Betrieben bestanden, waren die Kriegsgefangen gern gesehen und wurden für die Arbeitgeber schnell zu unverzichtbaren Arbeitskräften. Für ihre Arbeitsdienste erhielten die Gefangenen einen niedrigen Lohn. Einige von ihnen kehrten für die Nacht nicht in das Gefangenenlager zurück, sondern erhielten in der Nähe ihrer Arbeitsstelle eine Unterkunft und wurden dort auch versorgt (Hasselhorn 1999, S. 64; Mirwald 1989, S. 96-98).

Der Arbeitskräftemangel machte sich überall im Deutschen Reich bemerkbar, beispielsweise waren am 1. August 1916 von den 1,6 Millionen Kriegsgefangenen mit 1,45 Millionen rund 90 Prozent beschäftigt. Diese wurden vor allem in der Kriegswirtschaft, in der Landwirtschaft und in der Industrie eingesetzt. In diesem Punkt wurde mit den Kriegsgefangenen des Lagers im Ebertal also nicht anders umgegangen als mit den anderen Kriegsgefangenen des Deutschen Reiches (Oltmer 2006, S. 70; Mirwald 1989, S. 97).

Die flämischen Kriegsgefangenen

Erst durch die außenpolitischen Entwicklungen im Herbst 1915 änderte sich die Situation auch für das Kriegsgefangenenlager in Göttingen: Nach dem Feldzug in Serbien hofften die Deutschen auf einen baldigen Sieg. Damit verbunden entstand das Ziel, aufgrund der Spannungen zwischen Flandern und Wallonien, eine Teilung Belgiens zu erreichen und die Region Flandern als Herzogtum in das Deutsche Reich einzugliedern. Aus diesem Grund wurde bestimmt, dass mithilfe gezielter Propaganda die flämischen Kriegsgefangenen dazu gebracht werden sollten, der Teilung Belgiens und dem Anschluss an das Deutsche Reich freiwillig zuzustimmen (Meinhardt 1975, S. 8).

Deswegen wurde der größte Teil der flämischen Kriegsgefangenen an einem Ort versammelt – im Göttinger Ebertal (Mirwald 1989, S. 90). Unter diesen Gefangenen befanden sich etwa 135 gebildete Flamen, welche die vorher festgelegte „Aufklärungsarbeit“ leisten sollten. Für diese Flamen wurde im Lager eine Schule errichtet, die in Zusammenarbeit mit dem Theologieprofessor der Universität Göttingen, Carl Stange, sowie einigen seiner Mitarbeiter aufgebaut wurde. Diese flämischen Gefangenen konnten an Sprachkursen und Seminaren zur Geographie und Geschichte teilnehmen sowie Vorlesungen zur Kunstgeschichte, Philosophie, Rechtskunde und zu Natur- und Handelswissenschaften besuchen (Mirwald 1989, S. 91; Hasselhorn 1999, S. 64). Für diesen Unterricht wurden Unterrichtssäle eingerichtet und außerdem entstand im Lager eine Bibliothek mit einem beachtlichen Bestand von rund 10.000 Bänden sowie Leseräumen (Meinhardt 1975, S. 9). Ab Herbst 1917 war diese Schule staatlich anerkannt und im Januar 1918 wurden die ersten Examina abgelegt (Mirwald 1989, S. 92; Hasselhorn 1999, S. 64).

Innenansicht mit GefangenenQuelle: Städtisches Museum Göttingen

Innenansicht mit Gefangenen
Quelle: Städtisches Museum Göttingen

Aber auch die weniger gebildeten Flamen konnten von einer angenehmen Behandlung profitieren: Sie lebten in neuen Baracken aus bestem Material. In ihrem Alltag konnten sie behagliche Ess- und Aufenthaltsräume sowie eine Kirchenbaracke nutzen. Für flämische Künstler wurden Ateliers und für flämische Schriftsteller Arbeitszimmer eingerichtet. Für ihre Arbeitsdienste erhielten die Gefangenen einen geringen Arbeitslohn, seit 1917 in Form von neu eingeführtem Lagergeld. Damit konnten die Gefangenen im kleinen Warenhaus oder in der Buchhandlung des Lagers, in der auch Bücher aus Belgien verkauft wurden, einkaufen. Außerdem wurde den Flamen im Jahr 1918 zweimal erlaubt, große Feste zu feiern. Diese waren mit so starkem Lärm verbunden, dass es zu Beschwerden seitens der Göttinger Bevölkerung kam. Aus kultureller Hinsicht gab es im Lager unter anderem eine Kunstaustellung mit Werken flämischer Gefangener (Meinhardt 1975, S. 8f.).

Von deutscher Seite aus bemühte man sich, dass die Bevorzugung der Flamen unter den Gefangenen nicht zu stark auffiel. Fast jede Nationalitätengruppe konnte ein Orchester und eine Theatergruppe gründen, sodass es im Lager regelmäßig Vorführungen gab (Mirwald 1989, S. 93). Dass das Kriegsgefangenenlager in Göttingen für die Finanzierung der Privilegien für die Flamen einen monatlichen Beitrag von 200 Mark erhielt, sollte kein Kriegsgefangener erfahren, damit niemand misstrauisch würde (Mirwald 1989, S. 91). Außerdem wurden die flämischen Gefangenen nicht vom Arbeitsdienst ausgenommen; im Juli 1918 waren von den rund 2.400 Flamen des Lagers im Ebertal 1.952 bei verschiedenen Betrieben im Einsatz (Mirwald 1989, S. 96).

Misserfolg der Propaganda

Durch einen Blick in den Briefwechsel der flämischen Gefangenen mit ihren Angehörigen aus der Heimat konnten die deutschen Militärs den Eindruck gewinnen, dass die Propaganda in Flandern keine pro-deutsche Stimmung verbreitete. Es entstand sogar vielmehr der Eindruck, dass die Spannungen zwischen Flamen und Wallonen geringer wurden (Mirwald 1989, S. 91).

Als die flämischen Gefangenen im Zuge der Bestimmungen des 2. Berner Abkommens vom 26. April 1918 die Möglichkeit hatten, sich nach Frankreich austauschen zu lassen, verließ ein Großteil der flämischen Kriegsgefangenen Göttingen und das Deutsche Reich (Hasselhorn 1999, S. 64). Nach dem Ende des Krieges kehrte der größte Teil der noch verbliebenen Flamen in ihre Heimat zurück. Nur einige wenige blieben in Göttingen, entweder weil bei ihnen die Propaganda gewirkt hatte oder aber weil sie in Belgien vor ein Kriegsgericht gestellt worden wären (Meinhardt 1975, S. 9; Mirwald 1989, S. 99f.).

Die Nutzung als Notsiedlung

Nach dem Ende des Krieges verließ der Großteil der Kriegsgefangenen zügig das Gefangenenlager. Zeitgleich kehrten aber auch deutsche Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft zurück, die gemeinsam mit ihren Familien keine Unterkunft mehr hatten. Deswegen wurde entschieden, das ehemalige Kriegsgefangenenlager als Notsiedlung zu benutzen, in der 349 Familien leben sollten (Mirwald 1989, S. 99f.). Um eine günstigere Lage zum Hang zu erreichen, wurden die Baracken zerlegt und leicht versetzt wieder aufgebaut. In den folgenden Jahren wurden an den Baracken Sanierungen vorgenommen. Unter anderem wurden die Mauern und Decken wärmeisoliert und die Baracken erhielten Spültoiletten und Kohleöfen. Darüber hinaus wurden sie teilweise unterkellert und konnten an das Stromnetz angeschlossen werden (Paine 1983, S. 184f.). Es ist wohl ungewöhnlich, dass ein ehemaliges Gefangenenlager als Notsiedlung verwendet wurde und aufgrund der Sanierungen sogar als einfache Siedlung bezeichnet werden kann. Es kann daran liegen, dass die Wohnungslage so schlecht war, dass keine andere Wahl blieb als die Baracken zu nutzen. Man kann aber auch vermuten, dass die Baracken, speziell diejenigen, die von den Flamen bewohnt waren, eine so gute Qualität aufwiesen, dass sich die Verantwortlichen gegen einen Abriss entschieden.

Im Laufe der Jahre erhielt die Siedlung „einen eher ländlichen Charakter“. Neben den kleinen Gärten, die zu jeder Wohnung gehörten, gab es am Rand des Ebertals weitere Grünflächen, die von den Bewohner beantragt werden konnten, sowie Stallungen zur Haltung von Tieren. Trotz der ständigen Verbesserungen und Neuerungen in der Siedlung hatte der Großteil der Göttinger Bevölkerung eine eher negative Haltung gegenüber der Siedlung im Ebertal. Diese Meinung wurde durch die Tatsache, dass es sich um „das alte Gefangenenlager“ handelte, durch falsche Annahmen über die Ausstattung der einzelnen Baracken sowie durch den „ländlichen Charakter“ der Siedlung hervorgerufen (Paine 1983, S. 185).

Vom Wohnungsmangel zum Wohnungsbau – der Abriss der Baracken

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man wieder eine Ausnahmesituation. In Göttingen war „die Einwohnerzahl […] im Jahr 1950 als Folge des Flüchtlingszustroms um rund 57% gegenüber dem Vorkriegsstand angestiegen“. Dies hatte einen großen Mangel an Wohnungen zur Folge. Erst mit dem Beginn der 1960er Jahre und dem „sozialen Wohnungsbau“ wurden Wohnungsbauprojekte realisiert, welche die Lage allmählich entspannten. Ab dem Jahr 1961 war von diesen Veränderungen auch die Siedlung im Ebertal betroffen (Trittel 1999, S. 308-310). Als Grund für die Maßnahme wurde unter anderem das Alter der Baracken angegeben, die nun schon seit über 40 Jahren bestanden und somit das einzige noch bestehende Kriegsgefangenenlager aus dem Ersten Weltkrieg darstellten. Dennoch waren die Meinungen in der Göttinger Bevölkerung zur Sanierung im Ebertal sehr verschieden. So wurde zum Beispiel kritisiert, dass zur Zeit einer so angespannten Wohnungslage bewohnbare Unterkünfte ersetzt werden sollten (Paine 1983, S. 191f.).

Mit diesem Sanierungsprogramm verschwand die Siedlung im Ebertal. Die Baracken aus dem Ersten Weltkrieg mussten neuen Wohnblocks weichen, die das Stadtbild im Ebertal heutzutage immer noch prägen (Paine 1983, S. 195).

Literaturverzeichnis

Hasselhorn, Fritz (1999): Göttingen 1917/18-1933, in: Thadden, Rudolf von/ Trittel, Günter J. (Hrsg.): Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt, Band 3: Von der preußischen Mittelstadt zur südniedersächsischen Großstadt 1866-1989, Göttingen, S. 63-126.

Meinhardt, Günther (1975): Das Gefangenen-Lager im Ebertal, in: Göttinger Monatsblätter 18 (August 1975), S. 8-9.

Mirwald, Christa (1989): Ausländer in Göttingen – von 1914 bis heute, in: Schmeling, Hans-Georg (Hrsg.): 100 Jahre Göttingen und sein Museum. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Alten Rathaus 1. Oktober 1989 – 7. Januar 1990, Göttingen, S. 89-116.

Oltmer, Jochen (2006): Unentbehrliche Arbeitskräfte. Kriegsgefangene in Deutschland 1914-1918, in: Ders. (Hrsg.): Kriegsgefangene im Europa des Ersten Weltkriegs (Krieg in der Geschichte 24), Paderborn [u.a.], S. 67-96.

Paine, Norton (1983): Die Siedlung Ebertal/Himmelsbreite in Göttingen. Stimmen zum Problem der Sanierung eines Göttinger Stadtviertels, in: Göttinger Jahrbuch 1983, S. 183-216.

Stange, Carl (1935): Das Kriegsgefangenenlager in Göttingen, in: Saathoff, Albrecht (Hrsg.): Göttinger Kriegsgedenkbuch 1914-1918, Göttingen, S. 130-135.

Trittel, Günter J. (1999): Göttingens Entwicklung seit 1948, in: Thadden, Rudolf von/ Trittel, Günter J. (Hrsg.): Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt, Band 3: Von der preußischen Mittelstadt zur südniedersächsischen Großstadt 1866-1989, Göttingen, S. 291-356.

Stand: 03.02.2013