„Klein-Paris“ in der Turmstraße

von Annika Reincke

„Klein-Paris“ wurde die Turmstraße in Göttingen genannt, in der die armen Menschen der Stadt wohnten. Der folgende Artikel befasst sich mit dieser Wohngegend im 18. und 19. Jahrhundert und geht dabei auf die Bewohner/innen, die Wohnverhältnisse und deren Auswirkungen für die Menschen in der Turmstraße ein.

Bewohner/innen

Um 1730 betrug die Einwohnerzahl Göttingens ca. 5000 Menschen. Die Armen und Bettler der Stadt Göttingen machten ca. 28% der Stadt aus, jedoch vermutet man, dass die damalige Dunkelziffer bei ca. 50% lag (Rohrbach, 1987, S. 183). Nach Verzeichnissen der Stadt von 1763 war rund jeder zweite Bewohner Göttingens „nonvalent“, d. h. er war aufgrund von Armut nicht steuerpflichtig. Diese Menschen lebten vorrangig an den Stadträndern, wie zum Beispiel im Ritterplan, an der Neuen Leine oder eben in der Turmstraße, die vermutlich wegen der dort ausgeübten Prostitution auch „Klein-Paris“ genannt wurde. Ob die Menschen mithilfe von Prostitution in dieser Straße wirklich häufiger, als in anderen armen Wohngegenden Göttingens, ihr Geld verdienten, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. In den Augen wohlhabender Stadtbürger und vieler Studenten der Zeit ging Armut mit Ehrlosigkeit einher. Der Schweizer Student Carl Hochheimer berichtete z.B. 1791 von der „Straße die klein Paris genennet wird, und in welcher die Häuser mehr Schweineställen als Menschenwohnungen ähnlich sind“ (Hochheimer 1791, S. 40). Es kann sich folglich um einen Mythos handeln, wenn man die Turmstraße wegen ihrer Prostitution auch „Klein-Paris“ nannte. Dennoch –  die Hälfte der Bewohner/innen von Klein-Paris lebten von Prostitution und Bettelei, andere waren „kleine“ Handwerker, Tagelöhner und Arbeitslose (von Frieling 1988, S. 18-31). Die Einnahmen der Menschen betrugen oft nicht mehr als 14 Mark im Monat. Allerdings kosteten auch die „Armen-Wohnungen“ 90 Mark jährlich, weshalb die meisten Bewohner auf Unterstützung angewiesen waren (siehe hierzu auch Armen-Arbeitshaus) (Wever, 1988, S.112-116).

Wohnverhältnisse in „Klein-Paris“

Die Bewohner der Turmstraße lebten in aus heutiger Sicht kaum vorstellbaren Verhältnissen. Die Häuser, die die Stadt auf Lebenszeit an Arme vermietete, wurden auch als „Buden“ bezeichnet (Schwibbe, S. 151). Eine Wohnung in „Klein-Paris“ bestand aus zwei Räumen, die übereinander lagen und mit einer Leiter aus Brettsprossen miteinander verbunden waren. Der untere Wohnraum war zwei Meter breit, drei Meter lang und zwei Meter hoch. Er umfasste demzufolge nur zwölf Kubikmeter. Bewohnt wurde dieser Raum, in dem auch gekocht wurde, durchschnittlich von zwei Erwachsenen und vier Kindern. Der obere Raum, ebenfalls von zwei Erwachsenen und vier Kindern bewohnt, bestand aus lediglich 10,50 Kubikmeter.

"Klein-Paris" um 1900. Quelle: Rohrbach, 1987, S. 186.

„Klein-Paris“ um 1900. Quelle: Rohrbach, 1987, S. 186.

Der Nachtstuhl, der für alle Bewohner der Wohnung gedacht war, stand offen an der Leiter und musste jeden Tag eine längere Strecke fortgetragen werden. Ein Hofraum oder Ähnliches gab es in diesen Vierteln der Turmstraße nicht. Es gab sogar Wohnungen, die von der Grundfläche noch kleiner waren, in denen aber die gleiche Anzahl Menschen wohnte. Durch den heißen Ofen in den Wohnungen stank es und wurde entsetzlich heiß. Bei feuchtem Wetter wurden auch die Wände der Wohnungen feucht, wodurch es häufig zu Schimmel kam (Wever 1988, S. 112-116; Wedemeyer-Kolwe 2002, S. 466).

Auswirkungen

Neben der schlechten Ernährung war die katastrophale Wohnsituation in den armen Wohngegenden in Göttingen einer der Hauptgründe für die hohe Zahl der Erkrankungen. Mangelerkrankungen. Größere Anfälligkeit für epidemische Krankheiten waren hauptsächlich in der Unterschicht Göttingens zu finden. Die Kindersterblichkeit war hier besonders hoch. Für die hohe Zahl der Erkrankungen waren vor allem der Estrichboden in den Wohnungen und die niedrige Deckenhöhe mit der Hitze, dem Tabakqualm, dem Schimmel und dem Lichtdunst verantwortlich (Rohrbach, 1987, S. 187 ff.). Die damals sowieso schon schlechte Stadtluft wurde durch die engen Gassen in „Klein-Paris“ noch verschlechtert. Diphtherie, Scharlach und Masern waren weit verbreitete Krankheiten in Göttinge , die durch die schlechten Wohnsituationen verstärkt hervorgerufen wurden (Wever 1988, S. 112-116). Hunger und Krankheiten gehörten für die ärmeren Menschen Göttingens zum Alltag. Die Buden an der Stadtmauer wurden 1885 abgerissen; im Göttinger Adressbuch tauchte 1899 zum ersten Mal der neue Name Turmstraße auf.

Literatur

Frieling, Hans-Dieter von (1988): Der Bau des Gehäuses.Die Entwicklung der Stadt Göttingen seit dem 18. Jahrhundert. Ein Vergleich von Landkarten, in: Kornelia Duwe, Carola Gottschalk, Marianne Koerner (Hg.), Göttingen ohne Gänseliesel: Texte und Bilder zur Stadtgeschichte. Gudensberg-Gleichen, S. 18-31.

Rohrbach, Rainer (1987): „Allerley unnützes Gesindel…“ Armut in Göttingen, in: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht; Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Stadtarchiv Göttingen 26. April – 30. August 1987, Hans-Georg Schmeling (Hg.). Göttingen, S. 183-214.

Schwibbe, Gudrun (2002), Wahrgenommen. Die sinnliche Erfahrung der Stadt, Münster.

Wedemeyer-Kolwe, Bernd (2002): Göttinger Wohnkultur im 18. und 19. Jahrhundert, in: Ernst Böhme/ Dietrich Denecke (Hg.), Göttingen: Geschichte einer Universitätsstadt, Bd. 2: Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Anschluss an Preußen: Der Wiederaufstieg als Universitätsstadt (1648-1866), Göttingen, S. 451-478.

Wever, Fritz (1988), Wohnverhältnisse in Göttingen um 1900, in: Duwe u.a., Göttingen ohne Gänseliesel, S. 112-116.

Quelle

Hochheimer, Carl F.A. (1791), Göttingen: Nach seiner eigentlichen Beschaffenheit zum Nutzen derer, die daselbst studiren wollen, Lausanne.

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