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Die Lokhalle

von Sebastian Wolfram Hennies

Die Maschinenwerkstatt bzw. Ausbesserungwerk der Eisenbahn nahm seit der Gründung 1855 im Leben vieler Göttinger eine wichtige Rolle ein. Das noch heute vorhandene und 1917-1920 erbaute Hauptgebäude, die Lokrichthalle, ist seit der öffentlichen Debatte um die Nachnutzung als „Lokhalle“ bekannt. Neben der Universität war die Eisenbahn bis 1976 einer der stabilsten und  wichtigsten Arbeitgeber.

Vorbemerkungen

Es beschäftigte überwiegend männliche Arbeiter. Nur zu Kriegszeiten, vor allem im zweiten Weltkrieg, kamen Frauen in die Lokhalle und halfen den Mangel an Arbeitern auszugleichen. Ihre Rolle soll auf keinen Fall gering geschätzt werden, jedoch ist sie für das 19. und beginnende 20. Jahrhundert nicht von größerer Bedeutung und damit auch nicht für diesen Text, da dieser die Zeit von 1855 – ungefähr Anfang des 20. Jahrhunderts behandelt. Ich verzichte daher auf ein durchgehendes gendering der Begriffe.

Die Quellenlage zur Lokhalle ist insgesamt dünn. Zwar gibt es einige moderne Werke zur Lokhalle, jedoch gehen diese nur bedingt auf die Zeit vor 1900 ein und beleuchten zudem die Arbeiterkultur wenig bzw. gar nicht. Günther Siedbürger macht auf die Quellenlage aufmerksam und verweist unter anderem auf eine Notiz, die er während der Archivrecherche fand: „Akte NStA (Niedersächsisches Staatshauptarchiv) Hann 133 acc. 30/82, Nr. 6 (…) „Göttingen. Werkstätten. Vernichtet im Jahre 1972“. Während der Arbeit an seinem Buch nahm laut eigenen Aussagen die Archivarbeit den größten Teil ein. So konnte er viele Fakten sammeln und in seinem Werk darstellen. Auf seinem Buch und den darin präsentierten Ergebnisse basiert dieser Text.

Reichsbahnausbesserungswerke

Mit der Entstehung der Eisenbahn in Deutschland im Jahre 1835 wurden zur Ausbesserung und Instandhaltung der Lokomotiven und Wagen kleine bahneigene Werkstätten als Reparaturstellen eingerichtet. Mit der Erweiterung des Eisenbahnnetzes und der damit verbundenen notwendigen Vergrößerung des Fahrzeugparkes sind die Eisenbahnwerkstätten für eine planmäßige Erhaltungswirtschaft ausgebaut worden. Sie nahmen in der Folgezeit immer mehr den Charakter von Reparaturwerkstätten mit einer bestimmten Organisation und Arbeitsteilung an. Reichsbahnausbesserungswerke waren ab den 1920er Jahren technische Großbetriebe, deren Aufgabe in der wirtschaftlichen Unterhaltung der Betriebsmittel der Deutschen Reichsbahn bestand. Die Geschichte aller  Werke zeigt, dass die Städte und Territorien nichts unversucht ließen, ein solches Werk in ihren Mauern zu besitzen. Die gesicherte Stellung der Beschäftigten bei der Deutschen Reichsbahn wirkte sich sowohl kulturell als auch wirtschaftlich auf die Stadt, die Geschäftswelt und die Schulen aus.

Lokhalle heute von Nordost; Quelle: Wikimedia Commons, GNU Free Documentation License

Lokhalle heute von Nordost; Quelle: Wikimedia Commons, GNU Free Documentation License

Die Lokhalle in Göttingen

Wahrscheinlich 1855 wurde die Göttinger Lokhalle eröffnet. Einen genauen Beleg gibt es dafür nicht. Sie gehörte damals und bis 1914 zum größten (Staats)Unternehmen der Welt: Der preußisch-hessischen Staatseisenbahn. Bei ihrer Gründung hieß sie „Maschinenwerkstatt“ und war verhältnismäßig klein. Sie bestand bei ihrer Gründung 1855 aus Lokomotivhalle, Schmiede, Tischlerei, Wagenwerkstatt, Radsatzwerkstatt, zwei Schiebebühnen, Verwaltungsgebäude, Kesselhaus mit Dampfmaschine, mit welcher über Transmissionsriemen die Maschinen in der mechanischen Fertigung angetrieben wurden. Später wurde sich in „Ausbesserungswerkstatt“ umbenannt. Es kamen bis 1892 hinzu: Stofflager, Werkzeugmachere, Schlosserei, eine zweite Lokhalle, Tenderwerkstatt, Gelbgießerei, Kupferschmiede, Klempnerei und eine neue Halle für die Wagenausbesserung. Erst mit dem Ende des 20. Jahrhundert kam der Begriff „Lokhalle“ in Berührung mit dem Gebäude, welches in der heutigen Bahnhofsallee in Göttingen anzufinden ist. Die Halle „Lokhalle“, die heute noch zu sehen ist, ist ein großer Teil des Gesamten Komplexes und wurde 1917 erbaut. Entscheidend für diese Position außerhalb der Stadt waren im Wesentlichen drei Faktoren. Einerseits stand in unmittelbarer Nähe der Bahnhof, der 1855 eröffnet wurde und wohl auch den ausschlaggebendsten Faktor darstellt. Nicht unerheblich war auch die Größe des Grundstücks, das man nur außerhalb der Innenstadt finden konnte. Andererseits gab es auch die preußische Bestimmung, dass sich Ausbesserungswerke abgelegen von Wohngebieten und viel befahrenen Straßen befinden mussten. Der enorme Geräuschpegel, der in den Hallen vorherrschte, wäre für die Umgebung zur Dauerbelastung geworden.

Mehr Loks, mehr Arbeiter. Die Entwicklung.

In der Lokhalle wurden vor allem Reparatur- und Wartungsarbeiten verrichtet. Lediglich die Teile für die Reparatur wurden in der Kesselschmiede hergestellt. Schon im 19. Jahrhundert gab es verbindliche Vorschriften, die bei Lokomotiven alle 6 Jahre eine Hauptuntersuchung und alle 3 Jahre eine Zwischenuntersuchung vorsahen. Bei Unfällen oder Ähnlichem wurden die Loks sofort repariert. Aber nicht nur Loks wurden repariert und gewartet, auch Weichen und Gleiswagen wurden unter die Lupe genommen. Göttingen war auf Grund seiner geografisch-politischen Lage ein wichtiger Anlaufpunkt für die Eisenbahn. König Ernst August wollte keine Bahntrasse durch Hessen und so führte er die Hannoversche Südbahn von Göttingen die steile Strecke über Dransfeld nach Hannoversch Münden. Dazu mussten stärkere Loks vor die Wagons gespannt werden. Die ausgespannten Loks wurden so in Göttingen gleich gewartet. Die Göttinger Lokhallen-Arbeiter hatten damit reichlich zu tun. Von 1847 bis 1914 stieg die Zahl der Lokomotiven der Eisenbahndirektion Hannover von 42 auf ca. 1500 Loks an. Gleichzeitig wuchsen auch die Belegschaft und die Anforderungen. Wahrscheinlich sind diese Entwicklungen dem erhöhten Transportaufkommen im Zuge der steigenden Zahl an Überseeexporten, die über Bremerhaven abgewickelt wurden, geschuldet. Zahlen zum Beschäftigtenstand finden sich bis 1868. Vereinzelt auch noch in den 1890ziger Jahren. Zu beobachten ist jedoch zwischen 1860 und 1870, dass sich die Belegschaftszahl fast verdreifachte. 1855 war man noch mit ungefähr 60 Mitarbeitern gestartet. 1870 knackte man schon die 300-Mitarbeiter-Marke und kam 1900 bei 500 an.

Arbeitssituation. Kontrolle, Arbeitszeit und Lohn.

Gearbeitet wurde im Gedingverfahren, welches eine Form der Akkordarbeit war. Dabei wurde der Arbeitsprozess in Abschnitte unterteilt und auf Kolonnen aufgeteilt. Auch die maximal benötigte Zeit für die Aufgabe und die Anzahl der zu schaffenden Aufgaben wurde von einem unteren Beamten eingeteilt. Für die Wirtschafter bedeutete die Gedingarbeit eine Ersparnis an den Löhnen und höhere Produktivität. Für die Arbeiter, die in einer 20 Personen umfassenden Kolonne arbeiteten, brachte dies enormen Zeitdruck, geringere Grundlöhne und schlechtere Arbeitsbedingungen. Dabei war ihr Arbeitsalltag geprägt von Lärm und Schmutz. Arbeitssicherheit gab es zu damaliger Zeit nicht. Viele Arbeiten, wie das Vernieten des Heizkessels, gingen mit einer immensen akustischen Belastung einher. Die unmittelbar beteiligten Arbeiter büßten so in kürzester Zeit den Großteil ihrer Hörfähigkeit ein. Auch die geringe Beleuchtung der Halle stellte ein großes Risiko dar. Zwar waren die Hallen überdacht, dies bot Witterungsschutz, ließ aber kaum Licht ins Innere.  So gab es viele offene Gasglühlampen. Kleinere Öllampen spendeten etwas Licht bei Arbeiten unter den Loks. Nicht zuletzt durch die Gedingarbeit und weitere Umstände (Lärm und Licht) waren die Arbeitsbedingungen schlecht. Auch die Ausstattung war anscheinend nicht immer dem damaligen Standard entsprechend. So beschrieb ein Arbeiter 1904 den Prozess des Hochwindens einer Lok:  „Das Hochwinden der Lok erfolgte durch 4 – 6 Windeblöcke mit Handkurbeln, von 16-24 Personen, in 1 ½ Stunden (…) Für Reparatur von heißgelaufenen Achslagern waren in jeder Abteilung 2 Gleise mit Senkkanal verfügbar. Das Heben und Senken der Achsen erfolgte in der neuen Bude hydraulisch, in der alten Bude mit Handkurbelwerk, die 1910 durch hydraulische ersetzt wurde.“ (Siedbürger 1995, S. 23) Tatsächlich dauerte wohl das Hochwinden wesentlich länger als hier beschrieben: „Ein Arbeiter erzählte, ihm habe sich als Kind der Satz seines von der Arbeit im Werk heimkommenden Vaters eingeprägt: ‚Heute haben wir wieder eine Lok hochgezogen!’“. (Siedbürger 1995, S. 23)

Gearbeitet wurde von Montag bis Sonnabend. Dabei musste die Belegschaft der Göttinger Lokhalle 1904 10 Stunden/Tag arbeiten. Diese Stunden waren an die Jahreszeiten angepasst. Im Sommer: 6:30 – 18:00 Uhr und im Winter: 7:00 – 18:30 Uhr. Pausen wurden stets von 12 – 13 Uhr genommen. Nicht inbegriffen sind Überstunden, die sich wohl im Bereich zwischen einer und zwei Stunden aufhielten und nötig waren, um wenigstens etwas zum geringen Grundlohn hinzu zu verdienen. Kontrolliert wurde dies von einem Pförtner. Die Entlohnung für diese vielen Stunden war im Vergleich zur Privatwirtschaft unterdurchschnittlich. „Lohnenswert“ machte diese Arbeit nur die Verteilung des Lohns auf die Länge des Angestelltenverhältnisses bzw. das Alter der Arbeiter. Steigerte sich der Lohn in der Privatwirtschaft vom Anstellungsbeginn bis etwa zum 40. Lebensjahr und sank bis zur Rente wieder rapide ab, so stieg die Bezahlung der Arbeiter in der Lokhalle von ihrem 12. – 20. Beschäftigungsjahr stetig an, und behielt dann das Niveau des 20. Beschäftigungsjahres bis zur Rente. Zudem durften die Lokhallenbeschäftigten nur bei schweren Verstößen gekündigt werden, sodass man davon ausgehen kann, dass die Anstellung verhältnismäßig sicher war und auch sicherer entlohnt wurde. Arbeiter in der Privatwirtschaft hatten meist ein wesentlich lockeres Arbeitsverhältnis und wurden durch die Lohnpolitik überwiegend mit fortgeschrittenem Alter der Armut überlassen. Trotzdem war ein Lokhallen-Arbeiter-Leben mit einer vierköpfigen Familie  ohne einen zweiten Verdienst nicht möglich. Zu schlecht war trotz der stabilen Arbeitssituation das Auskommen der Arbeiter und damit auch ihrer Familien. So darf man nicht vergessen, dass im Kaiserreich durchschnittlich 60 % des Lohnes auf Nahrung entfiel und 20 – 30 % auf die Miete. Es war wenig finanzieller Spielraum da, um Ersparnisse anzulegen oder seine Wohn- und Lebenssituation entscheidend zum Besseren zu ändern. Die Arbeiterbewegung allerdings auch in Göttingen Gelegenheit zur Weiterbildung und zur klassenbewußten Geselligkeit (Volksheim)

Fazit. Unsicher, hart und kontrolliert.

Zusammenfassend kann man sagen: Das Leben eines Lokhallen-Arbeiters war geprägt von geringer Entlohnung bei gleichzeitigem hohen Arbeitspensum. Diese Arbeit war meist sehr hart und nicht sicher. Dabei arbeitete er in einem immer größer werdenden Industriekomplex, der immer mehr Arbeiter anstellte. Als positiv muss dabei die überdurchschnittlich sichere Anstellung dieser Arbeiter erwähnt werden. Die Lokhalle produzierte nicht wie Privatwirtschaft verarmte Menschen, trug dabei aber auch nicht sonderlich zur Verbesserung der Situation ihrer Arbeiter bei. Sozial nachverträglich war jedoch die Rente, die verhinderte, dass sich die schwierige ökonomische Situationen der ehemaligen Arbeiter weiter verschlechterten. Gleichzeitig setzte die Lokhalle ihre Arbeiter aber auch unter massiven Druck. Sei es die Gedingarbeit, die faktische Verpflichtung zu Überstunden oder auch der Einsatz von Kontrollpersonal, wie die Pförtner und unteren Beamten, die die Gedingarbeit kontrollierten und festlegten.

Als das Werk 1976 endgültig geschlossen wurde, konnte zunächst keine Nachnutzung gefunden werden und der Komplex blieb Industrieruine. In den 1990er Jahren wurde die Haupthalle umgebaut. Er entstand ein Kongresszentrum mit Veranstaltungshalle, Restaurants und Multiplexkino (Burmeister/Heinzel 2001).

zuletzt bearbeitet am 31. Januar 2013.

Literatur:

Burmeister, Karl/ Mathias Heinzel (2001), Die Göttinger Lokhalle im Otto-Hahn-Zentrum. Von der Industrie-Ruine zur Mehrzweckhalle. 120 Jahre Göttinger Eisenbanhgeschichte, Göttingen.

Siedbürger, Günther (1995): „Die Lokhalle und ihre Eisenbahner. Werksgeschichte und Arbeiterkultur in Göttingen 1855 – 1915, Göttingen.

 

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Volksheim Göttingen

Ein Ort der Stärke und Identität für die Göttinger Arbeiterbewegung.

Von Sebastian Schmidt

Das Göttinger Volksheim war das politische und gesellschaftliche Kommunikations- und Aktionszentrum der Göttinger Gewerkschaften und Arbeiterparteien ab 1921. Neben einem Ort für Versammlungen und Büros der Gewerkschaften und Sozialdemokratischen Parteien, war das Volksheim auch ein Kristallisationspunkt für Kultur und Bildung der Arbeiterbewegung. Ebenso wurde die SPD-Zeitung das „Volksblatt“ in einem Nebengebäude des Volksheims gedruckt, bis das Gebäude 1933 von den Nationalsozialisten besetzt wurde.

Was ist ein Volksheim?

Als Volksheime, oder auch Volkshäuser, werden im deutschsprachigen Raum Einrichtungen der Arbeiterbewegung bezeichnet, die einen kulturellen und politischen Anlaufpunkt für die arbeitende Bevölkerung bieten. Sie entstanden ab dem frühen 20. Jahrhundert und beinhalteten Raum und Organisationsmöglichkeiten für Arbeiterparteien und Gewerkschaften. Oftmals boten die Volksheime auch Raum für eine Volksbildung der Arbeiterklasse.

Der Weg zur Gründung des Volksheims

Die Machtzunahme von Gewerkschaften Anfang des 20. Jahrhunderts und eine aufstrebende Arbeiterbewegung in Deutschland spiegelten sich auch in Göttingen wieder. Das Ziel der Arbeiterschaft war eine gute und gemeinsame Organisation von Arbeitern, Arbeiterparteien (hauptsächlich von der SPD vertreten) und Gewerkschaften in der Studentenstadt Göttingen zu schaffen.

Ein Hauptgrund für die Forderung nach einem neuen Haus für die Arbeiter und Gewerkschaften waren die räumlichen Probleme in dem bisherigen Versammlungsort der „Kaiserhalle“. Die Platzprobleme entstanden durch stark ansteigende Mitgliederzahlen der SPD, anderer Arbeiterparteien und der Gewerkschaften. Die Anstieg rasante ist zurückzuführen auf die revolutionären Ereignisse von 1918 (Bons u.a. 1986, S. 20).

Der vorherige Versammlungsraum, die Kaiserhalle“ am Wilhelmsplatz, galt auf Grund von Platz- sowie Licht- und Sonnenmangels und des unbeliebten Namens ungeeignet. Die Platzprobleme sorgten dafür, dass Büros und Versammlungen der Gewerkschaften und Parteien auf zahlreiche Orte und Lokale in der ganzen Innenstadt verteilt werden mussten. 

Der Aufschwung der Gewerkschaften half das Projekt mit finanziellen Mitteln voranzutreiben. Im Jahr 1921 machten sich die Gewerkschaften, im Namen des dafür gegründeten Trägervereins „Solidarität e.V. Göttingen“, auf die Suche nach einem geeigneten Ort für ein neues Haus. 

Das renovierungsbedürftige Lokal „Zum Bürgerpark“ im Maschmühlenweg 14/16, am Bartholomäus Friedhof , wurde für die üppige Summe von 325.000 Mark gekauft. Nach einer umfangreichen Sanierung, damit alle Gewerkschaften Platz finden konnten, wurde das Göttinger Volksheim schließlich am 11.9.1921 eröffnet. Die Göttinger Gewerkschaften waren besonders stolz, dass die Arbeiterbewegung das Projekt komplett selber finanziert und realisiert und damit ihren eigenen unabhängigen politischen und sozialen Treffpunkt geschaffen hatte (Bons u.a. 1986, S. 22).

Göttinger Volksblatt vom 1. Mai 1925.

Nutzung und Alltag im Göttinger Volksheim

Das Volksheim wurde mit ihren großen und umfangreichen Räumlichkeiten zum zentralen Treffpunkt für die ganze Göttinger Arbeiterschicht. Neben großen Festsälen, zahlreichen Büros, einem großen Garten mit Kegelbahn und einem Restaurant wurden im Dachgeschoss auch Wohnungen für Arbeiter gebaut. Die wichtigsten Aspekte des neuen Volksheims waren die zusammengelegten Geschäftsräume des Gewerkschaftskartells und der nötige Platz für die Organisation und politischen Zusammenkünfte der Arbeiterparteien. Aber auch gemeinsam gestaltete Freizeitaktivitäten und Feierlichkeiten waren der Arbeiterschaft sehr wichtig. (Bons u.a. 1986, S. 26). Die Orts- und Kreisvereine der SPD nutzten das Volksheim als festen Versammlungsort und arrangierten Bildungs- und Schulungsveranstaltungen in den Räumlichkeiten.

Im Obergeschoss befand sich die Arbeiterbibliothek mit dem Schwerpunkt auf politischer Literatur und Büchern zur Arbeiterbewegung und Gewerkschaftsgeschichte. Nach eigenen Angaben im Volksblatt wurde sie rege genutzt, um die Weiterbildung und eine Festigung ihrer Weltanschauung zu gewährleisten. 

Die Gaststätte im Volksheim wurde täglich gut besucht, u. a. weil es günstiges Essen und Getränke gab, und wurde damit zunehmend zu einem gesellschaftlichen Anziehungspunkt für die Arbeiterschaft und Veranstaltungsort für Kulturangebote. Zusätzlich zu einem festen Stammtisch für Gewerkschaftsfunktionäre, trafen sich fast jeden Freitag Betriebsräte, um einen regen Austausch über Organisation und Gepflogenheiten in den jeweiligen Betrieben zu betreiben. Dazu gehörten vor Allem große Göttinger Industriefirmen wie Alcan, Zeiss-Winkel, Spindler & Hoyer, Sartorius (Bons u.a. 1986, S. 31 ff.).

Im Zuge der umfangreichen Aus- und Umbauten nach der Eröffnung des Volksheims, wurde auch ein Nebengebäude neu errichtet. Das 1924 eröffnete „Haus des Volksblattes“ beherbergte die Druckerei der SPD-Zeitung „Volksblatt“, sowie weitere SPD Büros und die „Soziale Bauhütte“, ein genossenschaftlicher Bauverein, der auch die Arbeiten am Anbau ausgeführt hat. 

Enteignung durch die Nationalsozialisten

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging die bisherige Nutzung des Volksheims zu Ende. Am 26. April 1933 wurde das Haus erstmalig von der SA besetzt, die sich allerdings noch einmal zurückziehen musste, bis sie das Gebäude am 2. Mai 1933 dauerhaft an sich riss. Diesmal setzten sie ihre Besetzung mit brutalen Mitteln durch, als sie von 5. auf den 6. Mai SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre im Keller schwer misshandelten. Das Volksheim wurde daraufhin von der NS-Einheitsgewerkschaft Deutsche Arbeitsfront übernommen und in das „Haus der deutschen Arbeit“ umbenannt. Die Druckerei wurde den nationalsozialistischen „Göttinger Nachrichten“ und später der „Südhannoversche Zeitung“ übergeben. Die Arbeiterbibliothek bzw. der Bestand der Bibliothek wurde bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 komplett vernichtet und das Volksblatt bereits im Februar verboten (Bons u.a. 1986, S. 57ff).

Ab 1939 übernahm die Reichsbahn das Gebäude und nutzte es als Lager für ausländische Gefangene. Das Gebäude wurde erneut umbenannt und hieß nun „Am Stültebeck“. Im November 1944 wurde das Volksheim durch einen Bombenangriff im zweiten Weltkrieg komplett zerstört und ist Heute durch nichts mehr zu erkennen. Auch das „Haus des Volksblattes“ wurde stark beschädigt und erst Jahre nach dem Krieg wieder aufgebaut, so dass 1958 die SPD wieder in das Gebäude einziehen konnte (Bons u.a. 1986, S. 79f.).

Literatur

Bons, Denecke, Duwe u.A. (1986), „Bohnensuppe und Klassenkampf“. Das Volksheim. Gewerkschaftshaus der Göttinger Arbeiterbewegung von der Entstehung im Jahre 1921 bis zu seiner Zerstörung 1944, Göttingen.

von Saldern, Adelheid (1973), Vom Einwohner zum Bürger. Zur Emanzipation der städtischen Unterschicht Göttingens 1890-1920. Eine sozial-und kommunalhistorische Untersuchung, Berlin.

Online Verweise

„Göttinger Volksheim“: http://www.zwangsarbeit-in-goettingen.de/texte/sueltebeck1.htm (zuletzt aufgerufen am 18.01.2013)

Der Konsumverein

Foto 1

Verkaufsstelle in der Jüdenstraße 3, Quelle: Eggers, 1916, S.35.

Von Carlotta Koch

Am 27. März 1866 wurde der Konsumverein zu Göttingen gegründet. Er bot seinen Mitgliedern, Angestellten in und außer Dienst, Militärpersonen, Lehrern, Professoren und Personen, die im öffentlichen Dienst tätig waren, sowie deren Witwen und unverehelichten Töchtern, die Möglichkeit, die „hauptsächlichsten Gegenstände des täglichen Verbrauchs auf die möglichst vorteilhafteste Weise und in guter Qualität“ zu verschaffen (Eggers, 1916, S.12). In Verkaufsstellen in der Jüdenstraße, am Papendiek, in Weende und in Grone konnten seine Mitglieder Nahrungsmittel und Kleidung zu selbst bestimmten Preisen erwerben.

Eine Stimme für jeden, gleiche Beitrittsbedingungen für alle, Lieferung unverfälschter Ware, politische und religiöse Neutralität – dies waren die Grundsätze der Konsumvereine- bzw. Konsumgenossenschaften, die in Deutschland im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung gegründet wurden (Prinz, 1996, S. 113). Mit dem gemeinsamen Ziel, die Lebenshaltung durch günstigere Warenversorgung zu verbessern, schlossen sich Arbeiter und Akademiker gleichermaßen zusammen und erschufen eine Massenbewegung, die sich gegen Preisdiktatur und die Vormachtstellung der Produzenten wehren sollte.

Wie alles begann

Die Konsumvereine sind unter anderem ein Ergebnis der Industrialisierung, die im 19. Jahrhundert in Deutschland stattfand. Immer mehr Arbeitskräfte zogen vom Land in die Stadt und fanden dort schlechte Wohn- und Arbeitsverhältnisse vor. Allein in den Jahren von 1850 bis 1870 stieg der Anteil der städtischen Bevölkerung um 16 Prozentpunkte auf über 50 %, sodass eine Versorgung mit ausreichendem Wohnraum kaum noch gewährleistet werden konnte. Darüber hinaus bestand der noch verfügbare Wohnraum zum größten Teil aus gesundheitsgefährdenden Kellerwohnungen, die in den seltensten Fällen über Toiletten verfügten (Kleinschmidt, 2008, S.72).

Neben zentralen Problemen wie der Wasserversorgung, waren viele Arbeitskräfte von Krämern finanziell abhängig. Bei diesen deckten sie ihren Bedarf an Lebensmitteln und ähnlichem, indem sie Kredite aufnahmen.

Finanzielle Abhängigkeiten dieser Art bestanden jedoch nicht nur im lokalen Kontext, sondern auch auf überregionaler Ebene. Die Personen, die sich in den Konsumvereinen zusammenschlossen, betrachteten ihre Genossenschaften häufig als eine „Vereinigung der Kräfte“, als ein Mittel, um dem immer weiter anwachsenden Großkapital entgegenzutreten (Eggers, 1916, S.3).

Mitspracherecht

Wie eingangs erwähnt verfügten alle Mitglieder eines Konsumvereins über gleiches Stimmrecht. So hatte jeder eine Stimme, unabhängig davon, wie hoch die Einzahlung war, die jedes Mitglied zur Beschaffung der Lebensmittel zu leisten hatte. Auch die Bedingungen für den Eintritt in eine der Genossenschaften sahen für alle Mitglieder gleich aus, egal, welcher Schicht sie angehörten.

Die Zusammensetzung der Mitglieder war ohne Zweifel sehr gemischt. Während sich in England, dem Mutterland der Konsumgenossenschaftsbewegung, vorzugsweise Arbeiter zusammenfanden, gab es andererseits auch Unternehmer, die an einem verstärkten Entstehen der Vereine interessiert waren. Sie hofften, durch eine günstigere Versorgung den Arbeitswillen bei ihren Arbeitern zu fördern.

Foto 2

Vorstand des Vereins, Quelle: Eggers, 1916, S.37.

Vor diesem Hintergrund erscheint die soziale Herkunft der Mitglieder des Göttinger Konsumvereins etwas ungewöhnlich. Denn dieser bestand zu einem großen Teil aus einem Vorstand, dessen Mitglieder Lehrer, Kaufleute, Professoren, Steuereinnehmer und Buchhalter waren. Natürlich waren unter den wenigen Angestellten auch einige Tischler, Lagerhalter und Arbeiter zu finden (Eggers, 1916, S.35-37). Dennoch waren diese eindeutig in der Minderheit, was auf die Tatsache zurückzuführen sein könnte, dass die Industrialisierung in Göttingen erst mit der Jahrhundertwende, also verhältnismäßig spät, einsetzte.

Die übergeordnete Idee, die hinter den Vereinen stand, nämlich im Konsum Selbstachtung und Selbstverwirklichung realisieren zu können, einte die Bürger offensichtlich so sehr, dass Standesgrenzen überwunden wurden (Haupt, 2003, S.55).

Widerstand

Konsumvereine stellten insofern eine Besonderheit dar, als sie den Handel revolutionierten, indem sie die Versorgungslage und den Marktzugang unter anderem durch Eigenproduktion stabilisierten und zugleich Ausdruck des Protests und des Widerstands gegen überhöhte Preise, schlechte Herstellungsbedingungen und mindere Qualität waren. Obwohl sie den alltäglichen Bedarf an Massenkonsumgütern befriedigten und dementsprechend häufig als „Basis der Konsumgesellschaft“ bezeichnet wurden, schlugen ihnen schnell Ablehnung und Widerstand entgegen (Kleinschmidt, 2008, S.81). Andere Händler sahen sich bedroht, da sie fürchteten, mit den zum Teil unschlagbar günstigen Preisen der Konsumvereine nicht mithalten zu können und abgedrängt zu werden.

Diese Ablehnung wird vor allem in einem Bericht deutlich, der im Jahr 1868 in einer Zeitung für das Genossenschaftswesen abgedruckt wurde:

„Der allerdings glänzende Erfolg dieses Ladens hat dem Konsumvereine von den Gewerbetreibenden, welche sich dadurch in ihrer Existenz bedroht fühlen, eine Feindschaft zugezogen, welche sich in eben so bedauerlichen, als ohnmächtigen Handlungen Luft macht.“

Weiter heißt es darin:

„Das Konsumvereinslager ist verfehmt für alle, welche sich in irgendeiner Weise nicht ganz unabhängig von den Kaufleuten und anderen Konkurrenten fühlen“ (Schloesser, 1926, S.10).

Nichtsdestotrotz ließ sich die Idee der Konsumvereine nicht mehr unterdrücken, als sie erst einmal aufgekommen war. Anstatt sich einschüchtern zu lassen, ergriffen die Mitglieder andere Maßnahmen, um nicht weiter in Ungnade zu fallen und das allgemeine Gleichgewicht zu wahren.

Demonstrativer Gemeinnutzen

In Göttingen äußerten sich diese Maßnahmen in einem demonstrativen Gemeinnutzen, der die demokratisch anmutenden Grundprinzipien des Vereins weiter unterfütterte: Man konsumierte nicht nur, man gab der Gesellschaft auch etwas zurück. Denn abgesehen von kleineren Beeinträchtigungen in den Kriegsjahren 1870/71 erzielte der Verein bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges gute Gewinne. Unabhängig von Mitgliederzahlen und Umsatz bestand unter den Mitgliedern eine rege Beteiligung am Gemeinwesen. Sie förderten Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen, leisteten Zahlungen an die Volksbibliothek, die Kriegsfürsorge und die sogenannten Kinderbewahranstalten. Den Angestellten des Vereins wurden vom Vorstand Mittagspausen und Sonntagsruhe, sowie Beiträge für die Kranken-, Alters-, und Invalidenversicherung zugestanden (Eggers, 1916, S.42).

Das Erbe der Konsumvereine

Ein paar Jahrzehnte später, in den 1960er Jahren, war die Idee des Gemeinnutzens jedoch in den Hintergrund getreten. Große Discounter waren im Kommen und der Wettbewerbsdruck stieg stetig. Um diesem Druck standhalten zu können, änderten die Vereine ihre Rechtsform, sodass aus den Konsumgenossenschaften, die vor allem darauf angelegt waren, ihre Mitglieder gleichberechtigt zu fördern, Aktiengesellschaften wurden, die hauptsächlich auf eine Maximierung des Gewinns ausgerichtet waren. Die meisten aller westdeutschen Konsumvereine verschmolzen daraufhin zur coop AG.

Literatur

Eggers, Heinrich (1916), Die Geschichte des Konsum-Vereins Göttingen 1866-1916. Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum, Göttingen.

Haupt, Heinz-Gerhard (2003), Konsum und Handel. Europa im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen.

Kleinschmidt, Christian (2008), Konsumgesellschaft. Grundkurs Neue Geschichte, Göttingen.

Prinz, Michael (1996), Brot und Dividende. Konsumvereine in Deutschland vor 1914. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 112, Göttingen.

Schloesser, Robert (1926), Der Deutsche Konsumverein in alter Zeit, Düsseldorf.