Die „Herberge zur Heimath“

Christliche Armenfürsorge mit Hang zur Kontrolle?

von Johanna Mencke

Am Leinekanal 2 ist heute ein Altenheim zufinden. Im 19. Jahrhundert jedoch diente die Fürsorge einer anderen Bevölkerungsgruppe als den Senioren, nämlich jungen Handwerkern auf Wanderschaft. Als „Herberge zur Heimath“ fungierte das Gebäude lange Zeit als Teil der protestantischen Armenfürsorge Göttingens, die wandernden Handwerkern ein Obdach gewährte.

Die Brüder Grimm, die Zeit ihres Lebens in Göttingen lebten, überlieferten uns das idealisierte Bild eines jungen Mannes auf Wanderschaft im 19. Jahrhundert: Hans im Glück. Doch in der Realität sah dies das ganz anders aus – Wanderer hatten mit Elend, Armut und Obdachlosigkeit zu kämpfen. Einen Einblick in das Leben und Wohnen der jungen Handwerker von damals ermöglicht die „Herberge zur Heimath“. Bevor auf das Gebäude direkt eingegangen werden kann, müssen grundlegende Tendenzen erläutert werden, die das Handwerk im 19. Jahrhundert maßgeblich verändert haben und erst zur Notwendigkeit einer solchen Herberge geführt haben.

Die Einführung der Gewerbefreiheit und die Erosion der Zunftordnung bedeutete sukzessiv das Ende der Sozialform des „ganzen Hauses“, einer „Arbeits-und Lebensgemeinschaft der Gesellen und ihrer Meister im meisterlichen Haushalt“ (Schmuhl/Winkler 2009, S. 23). Den Gesellen fehlte also ein Obdach und sie waren während ihrer Wanderung, die lange Zeit Voraussetzung für die Meisterprüfung war, auf Hilfe angewiesen. In den Augen des christlichen Bürgertums führte der ökonimische Wandel zu einem „sittlich-moralischen Niedergang des Wandergesellentums“, denn die Meister konnten nicht wie vorher neben der Wissensvermittlung auch für die Bewahrung vor unsittlichem Verhalten und eine christliche Erziehung sorgen. Ort ebendieser sittlichen Verwilderung waren nach Überzeugung von Staat und Bürgertum auf Grund von schlechten Zuständen, Alkohol, Glücksspiel und Überbelegung so genannte „wilde“ Herbergen, das heißt Möglichkeiten der Unterkunft und Verpflegung in Zunft- und Gewerksherbergen. (Schmuhl/Winkler 2009, S. 20-24). Schließlich wandten sich Männer aus dem Milieu des erweckten Protestantismus dem Problem zu. Eine Besserung der Verhältnisse sollte durch eine Reorganisation der Gesellschaft unter den Schlagworten „Zucht“, „Gehorsam“, „Glaube“ und „Gottesfurcht“ stattfinden (Schmuhl/Winkler 2009, S .21-22).

Das Konzept der „Herbergen zur Heimath als Alternative zu den „wilden Herbergen

Auch Clemens Theodor Perthes (1809 – 1867), Bonner Stadtverordneter und Mitglied der städtischen Armenverwaltung, sah die „wilden“ Herbergen als Gefahr für das Allgemeinwohl. 1849 war er an der Gründung eines Lokalvereins für Innere Mission beteiligt, der sich der fürsorgerischen Tätigkeit für wandernde Handwerksgesellen annehmen wollte. Im Zuge dieser Arbeit gründete er die erste „Herberge zur Heimath“ 1854 in Bonn. Das für diese Herberge entwickelte Konzept hatte das Ziel die wandernden Gesellen durch ein sauberes Bett, Verpflegung und Möglichkeiten zur Körper- und Kleiderpflege vor der Verwahrlosung zu schützen. Die restriktive Hausordnung, die jede „Herberge zur Heimath“ hatte, resultierte aus der Annahme, dass die individuelle Not der Wanderer eine Folge moralischen Versagens sei. So „nahm die gut gemeinte diakonische Hilfe einen patriarchal-erzieherischen Charakter an“ (Schmuhl/Winkler 2009, S. 37). Die Herberge sollte offen für jede Glaubensrichtung sein und vor Versuchungen wie „Alkohol, Müßiggang, Glücksspiel, Prostitution und homosexuellen Kontakten“ bewahren. Außerdem sollte der Strom der Wanderer allmählich von den „wilden“ Herbergen weggelenkt werden (Schmuhl/Winkler 2009, S. 32-34).

Wanderarbeitsstätten für zahlungsunfähige Wanderer

Da „Herbergen zur Heimath“ nur zahlende Gäste aufnehmen konnten, wurden flächendeckend Naturalpflegestationen gegründet, die später in Wanderarbeitsstätten (ab 1911 auch in Göttingen)
umbenannt wurden, um auch die nicht zahlungsfähigen Armen unterstützen zu können. Die Arbeitsstätten boten Mittellosen die Gelegenheit, sich durch diverse Arbeiten Kost und Logis für eine Nacht zu verdienen, bevor sie wieder weiterwandern mussten. Diese temporären Schutzräume, die Erziehungseinrichtungen ähnelten, folgten dem Prinzip „Arbeiten statt Almosen“ (Schmuhl/Winkler 2009, S. 41).

Da die Stadt Göttingen auf einer der vorgeschriebenen Wanderstraßen lag, wurde sie von auffällig vielen Wanderarmen durchreist, alleine 1898 waren es 2100 Reisende. 1886 machten die wandernden Tischler und Dachdecker sogar die Hälfte der in Göttingen ansässigen Handwerker ebendieser Bereiche aus.

Die „Herberge zur Heimath“ in Göttingen

Das Konzept der Herberge zur Heimat gewann im Laufe der Jahre über Bonn hinaus an Popularität, sodass auch in anderen Städten Herbergen gegründet wurden. Gab es 1874 in 98 deutschen Städten und Gemeinden „Herbergen zur Heimath“, so stieg deren Anzahl bis 1890 bereits auf 362.

Bei einer Versammlung von interessierten Bürgern Göttingens zur Errichtung einer „Herberge zur Heimath“, entstand am 07.02.1872 ein Verein für die Gründung einer solchen Herberge. Am 24.02.1880 eröffnet schließlich die „Herberge zur Heimath“ im alten Schulhaus St. Johannis. Da schon am ersten Abend 13 Schlafgäste verzeichnet wurden, überraschte es nicht, dass das Gebäude schnell zu klein wurde.

Hofer: Statuten der Herberge zur Heimath, Göttingen 1879.

Hofer (1879): Statuten der Herberge zur Heimath, Göttingen.

Am 08.11.1889 wurde der Neubau am Leinekanal 2 eingeweiht. Die  Grundlagen des Konzeptes von Perthes finden sich auch in der Hausordnung der „Herberge zur Heimath“ in Göttingen wieder: Neben Alkohol waren Glücksspiel und Vandalismus strengstens verboten.

1912 wurde der erste Stock des Gebäudes als christliches Hospiz eingerichtet, um die Finanzierung zu sichern. Im August 1914 wurden außerdem 50 Betten als Lazarett zur Verfügung gestellt. Seit 1952 wird die ehemalige „Herberge zur Heimath“ am Leinekanal 2 als Altenheim genutzt und seit 1964 vom Diakonischen Werk Göttingen e.V.  getragen (Robrecht-Krause 1992, S. 4-18).

Während also die Herbergen zur Heimat für zahlungsfähige Gesellen auf Wanderschaft gedacht waren, richtete man Wanderarbeitsstätten für mittellose Wanderarme ein. Zusätzlich gab es Arbeiterkolonien für nicht oder schwer vermittelbare Arbeiter. Diese Vielfalt und starke Auffächerung zeigt eine starke Expansion und Ausdifferenzierung der protestantischen Armenfürsorge für die wandernden Bedürftigen seit der Gründung der ersten Herberge zur Heimat im Jahr 1854. Ebendiese Vielfalt an Möglichkeiten zur Fürsorge hatte für viele Menschen die Folge, das Wandern als eine Art „Lebensberuf“ zu ergreifen, eine Tendenz, die man ursprünglich hatte verhindern wollen (Schmuhl/Winkler 2009, S. 42/51).

Stand: 30.01.2013

Literatur

Robrecht-Krause, Elsbeth (1992), Göttingen Am Leinekanal 2. Herberge zur Heimat – Mädchenheim – Altenheim. 100 Jahre Leben und Wirken in einem Haus, Göttingen.

von Saldern, Adelheid (1973), Vom Einwohner zum Bürger. Zur Emanzipation der städtischen Unterschicht Göttingens 1890-1920. Eine sozial-und kommunalhistorische Untersuchung, Berlin.

von Saldern, Adelheid (1984), Auf dem Wege zum Arbeiter-Reformismus. Parteialltag in sozialdemokratischer Provinz Göttingen (1870-1920), Frankfurt.

Schmuhl, Hans-Walter/ Winkler, Ulrike (2009), Das Evangelische Perthes-Werk. Vom Fachverband für Wandererfürsorge zum 
diakonischen Unternehmen
, Bielefeld.

Quellen

Hofer (1879): Statuten der Herberge zur Heimath, Göttingen.

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