St. Michael – Die Katholische Gemeinde und ihre Armenfürsorge (Alt-Maria-Hilf)

von Frederik Scherler

Die Geschichte der Katholischen Gemeinde in Göttingen ist so bewegt wie die der Stadt selbst. Nach langen Widerständen hatte sich eine Gemeinde etabliert, die anfänglichen Anfeindungen zum Trotz, schließlich akzeptiert wurde. Dies geschah nicht zuletzt aufgrund ihrer umfangreichen Armenfürsorge.

Der Weg zur eigenen Gemeinde

In der im Augsburger Religionsfrieden dem protestantischen Einflussbereich zugeschlagenen Stadt Göttingen war die Gründung einer eigenständigen katholischen Gemeinde lange Zeit undenkbar. Dies wusste auch die katholische Kirche, die nicht zuletzt aus politischen Gründen ein allzu starkes Eintreten für eine solche lange Zeit unterließ. Dass dies ein heikles Thema war, wurde auch daran deutlich, dass Göttingen zusammen mit anderen Städten im Königreich Hannover nicht zum angrenzenden Bistum Hildesheim gehörte (Scharf-Wrede 1995, S.16).

Die Gründung der Gemeinde erfolgte auf Veranlassung einiger engagierter Privatpersonen. Da ein öffentliches Zelebrieren des katholischen Glaubens vom Rat der Stadt verboten worden war, traf man sich ab dem frühen 18. Jahrhundert zum Zwecke des Gottesdienstes und des Gemeindelebens in privaten Wohnungen. Erst im Jahre 1750 erhielt die Gemeinde das Recht, ein Haus im eigenen Namen zu erwerben (Wehking 1992, S.12). Jedoch galten weiterhin Einschränkungen. So musste der Gottesdienst in einem Zimmer zum Hofe, fern ab von den Augen der Öffentlichkeit ausgeübt werden. Die Erbauung und Fertigstellung der ersten Gemeindekirche erfolgte dann im Jahre 1789 in der Kurzen Straße (Wehking 1992, S.31); am äußersten Rande des damaligen Stadtgebiets, nachdem dort ein Grundstück von einem ortsansässigen Bürger erworben worden war. Erst im Jahre 1813 erfolgte dann die Errichtung des Kirchturms, da ein solcher bis dato katholischen Gemeinden im Königreich Hannover nicht gestattet wurde. Der Name der Gemeinde, St. Michael, ist keineswegs zufällig gewählt: Der Erzengel gilt in der christlichen Symbolik als der Bezwinger des Teufels und stand für die gegenreformatorische Aktivitäten der Jesuiten. Eine Aussage, die im Zusammenhang mit dem Minderheitenstatus und dem Missionsgedanken der Gemeinde zu deuten ist.

Zusammensetzung der Gemeinde

Wer im Göttingen des 18. und 19. Jahrhunderts dem katholischen Glauben anhing, war mit hoher Wahrscheinlichkeit ortsfremd und arm. Spinnerinnen aus dem nahegelenden Eichsfeld, die in den Manufakturen der Stadt angestellt wurden, gehörten ebenso dazu wie ehemalige Soldaten (Wehking 1992, S.15). Hierbei müssen zwei Gruppen unterschieden werden. Da sind zum einen Veteranen aus katholisch geprägten Gebieten, für die sich nach Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen aus unterschiedlichen Gründen (so zum Beispiel Invalidität) eine Rückkehr in die Heimat ausschloss. Eine Gruppe, die hierbei in der Literatur besondere Erwähnung findet, sind die französichen Veteranen des Siebenjährigen Krieges. Nach der Reichsgründung 1871 gesellten sich zu jener Gruppe aus dem Elsass stammende und in einer der Göttinger Kasernen stationierte Soldaten. Da jene Soldaten aktiv am sozialen Leben der Stadt teilnahmen, ist anzunehmen, dass sie auch in der Ausübung ihres Glaubens den Kontakt zur örtlichen Bevölkerung suchten.

Armenfürsorge

Katholische Armenfürsorge begann in Göttingen erst relativ spät. Zentral für das anfängliche Versorgungskonzept wurde das Haus „Klein-Paris Nr.16“ (heute Turmstraße). Dieses wurde der Gemeinde im Herbst 1865 vom Garnfabrikanten Ernst-Friedrich Vollmer geschenkt (Weber-Reich, 2003, S.193). Von nun an kümmerten sich hier drei Vinzentinerinnen, welche aus Hildesheim angeworben worden waren, um Arme und Kranke (siehe Diakonie). Der Orden der Vinzentinnerinnen geht bis auf das 17. Jahrhundert zurück und stammt aus Frankreich (Weber-Reich, S.42). Erst wenige Jahre zuvor hatte sich in Hildesheim ein solcher Stift gegründet (Weber-Reich, S.53). Der persönlichen Armut verpflichtet, boten die Vinzentinnerinnen vielen Frauen dennoch einen attraktiven Lebensweg, da zum einen wirtschaftliche Sicherheit garantiert wurde und zum anderen eine pflegende Berufe erlernt werden konnte (Pflegerin, Erzieherin etc.) (Weber-Reich, S.72). Andererseits steht zu beachten, dass trotz dieser progressiv anmutenden Praxis den Frauen in der Kirche einige Berufe nach wie vor verwehrt blieben (so zum Beispiel all jene Berufe, welche seelsorgerische Elemente beinhalteten). Neben der bereits erwähnten Krankenpflege gab es auch eine kleine Schule. Diese musste ihren Betrieb jedoch im Zuge des in der Gründungszeit des Deutschen Kaiserreich tobenden „Kulturkampfes“ 1876 wieder einstellen. Der Pflegebetrieb blieb davon jedoch unberührt. Im Jahre 1879 (Weber-Reich. S.198) wurde dann auf dem angrenzenden Gelände „Klein-Paris 22“ das Stift „Alt-Mariahilf“ erreicht. Die Wahl dieses Ortes ist durchaus kein Zufall. Zum einen befindet sich dieser in unmittelbarer Nähe zum Vollmerschen Haus und zur Gemeinde, zum anderen galten die Gegenden entlang der Stadtmauern im Allgemeinen und „Klein-Paris“ (heute Turmstraße) im Besonderen von jeher als Wohngebiet der Armen (Rohrbach 1987, S.185), welche auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch rund ein Fünftel der Göttinger Bevölkerung ausmachten (Sachse 1987,  S.173). Die Ausweitung der Armenfürsorge muss außerdem im Kontext des zu jener Zeit virulenten Wetteiferns der Konfessionen um die Gunst der Massen gesehen werden. Neben der Konkurenz innerhalb des christlichen Lagers gesellte sich die Angst vor einer voranschreitenden Säkularisierung und dem Entstehen, neuer, unkontrollierbarer Weltanschauungen, die in den Augen vieler Geistlicher die Massen immer weiter vom „Rechten Weg“ des Christentums entfernten. Als weitere Motivation kam hinzu, dass es gerade die katholische Kirche in Zeiten des bisimarkschen „Kulturkampfes“ schwer hatte, sich gesellschaftlich zu behaupten und nicht zuletzt deshalb versuchte durch eine umfangreiche Armenfürsorge die gegen sie erhobenen Vorwürfe zu entkräften.

Im Jahr 1896 wurde das Gebäude durch den Bau von „Neu-Mariahilf“ ersetzt (Weber-Reich 2003, S.200), da man den neuen, zeitgemäßen Anforderungen an ein Krankenhaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts gerecht werden wollte. Das Gebäude des „Neu-Mariahilf“ befindet sich auch heute noch in der Humboldtalle 10 und bildet den Kern eines modernen Krankenhauses.

Heute

Heutzutage befindet sich in dem Gebäude „Klein-Paris 22“  das Pfarrhaus der Gemeinde. Auch die Tradition der Armenfürsorge hat sich bewart. So findet in dem Gebäude die tägliche Ausgabe eines Mittagstisches für Bedürftige statt. Auch wenn die kleinen Häuschen und ärmlichen Baracken, die einst so charakteristisch für diese Gegend waren, längst verschwunden sind: Das Stigma der Armut und sozialen Ausgrenzung haftet der Straße bis heute an. Nicht zuletzt da sich hier seit vielen Jahren ein wichtiger Treffpunkt der Göttinger Drogenszene befindet.

Literatur:

Rohrbach, Rainer (1987): „Allerley unnützes Gesindel…“ Armut in Göttingen. In: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht; Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Stadtarchiv Göttingen 26. April – 30. August 1987, Hans-Georg Schmeling (Hg.). Göttingen.

Scharf-Wrede, Thomas (1995): Das Bistum Hilesheim 1866-1914, Hannover.

Weber-Reich, Traudel (2003):“Wir sind die Pionierinnen der Pflege…“, Bern.

Wehking, Sabine (1992), Ein jeder darf sich gleichen Rechts erfreu’n…“ Die Geschichte der Katholischen Kirche in Göttingen 1746-1990 (Studien zur Geschichte der Stadt Band 17), Göttingen.

Wieland, Sachse (1987), Göttingen im 18. Und 19. Jahrhundert, Zur Bevölkerungs und Sozialstruktur einer deutschen Universitätsstadt, Göttingen.

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