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Das Grätzelhaus – Pallas Athene und Hermes in Göttingen

von Boris Schuster

Der imposante und größte Barockbau der Stadt wurde ab 1739 errichtet.​ Seitdem hat er viele Veränderungen der Göttinger Sozialgeschichte miterlebt, aber das Haus existiert noch immer in der Goethe-Allee 8. Heute beherbergt es die Gaststätten „Mr. Jones“ und „Kartoffelhaus“.

Das Grätzelhaus 2012, Fotographie von Jan Stubenitzky

Das Grätzelhaus 2012, Fotographie von Jan Stubenitzky

Erbaut wurde das Grätzelhaus von Johann Heinrich Grätzel, der ab 1736 der reichste Mann Göttingens und später „Obercommerzien Commissarius“ war. Er besaß noch zwölf weitere Häuser, Unterkünfte und Produktionsstätten für seine Tuchmanufaktur. Damit stand er an der Spitze der Honoratiorenschicht dieser Zeit (Sachse 1987, S.180ff.).

Pallas Athene und Hermes

Um sein Haus erbauen zu können, ließ er die „Güldene Straße“ trocken legen. Die beeindruckende Hauptfassade, die dort entstand, ist in sechzehn Fensterachsen über fünf Etagen unterteilt und das erst 1746 fertig gestellte, mit zwei Doppelsäulen und Wappenschmuck verzierte, Sandsteinportal markiert den Eingang des pompösen Hauses. Der Wappenschmuck des Portals zeigt rechts das Hauswappen und links das Emblem der Naturforscherakademie. Das Portal wird  auf dem Dachgiebel von zwei Statuen der griechischen Mythologie flankiert. Auf der einen Seite befindet sich Athene, der Schutzgöttin der Künste und Wissenschaften.

Das alte Grätzelhaus. Von Georg Daniel Heumann um 1740

Das alte Grätzelhaus. Von Georg Daniel Heumann um 1740

Sie stellte, kurz nach der Eröffnung der Georg August Universität 1737, ein klares Symbol für die in den folgenden Jahrhunderten wichtigste, soziale Ader der Stadt dar. Auf der anderen Seite steht Hermes, der in der hellenistischen Welt den Handel verkörpert. Für Johann Heinrich Grätzel waren der Handel und die Tuchmanufaktur die Quelle seines Reichtums und er rief dafür den symbolischen Schutz des griechischen Gottes an. Außerdem ließ er zwölf Knabenstatuen fertigen, die für die sechs Sinne und sechs freien Künste standen und im Garten des Hauses platziert wurden (Girod 2009, S.12f.; Koch 1958, S.115f.).

Familien-Dynastie Grätzel entsteht

Leisten konnte sich Johann Heinrich Grätzel (I) diese Lebensweise nicht von Geburt an. Als er 1691 in Dresden geboren wurde, war sein Vater vermutlich „Director der Manufacturen“.

Wappen (Meyermann 1904, Tafel 8, 180)

Wappen (Meyermann 1904, Tafel 8, 180)

Darüber welchen Reichtum die Familie besaß, kann nur spekuliert werden. Als wahrscheinlich gilt, dass der Vater nicht viele Mittel besaß und Grätzel eine Ausbildung als Waid- und Kunstfärber begann. Ab 1712 arbeitete er in einer Göttinger Tuchfabrik, weshalb ihm 1716 das Bürgerrecht verliehen wurde. Von Anfang an bemühte sich der Neubürger um Steuerfreiheit und staatliche Hilfen. Dies ermöglichte ihm, sich ein kleines Haus in der Mariengemeinde zu kaufen und dort zwei Zeugmacher einzustellen. Zusätzlich richtete er sich einen kleinen Verkaufsladen ein und machte so erste Schritte in Richtung Selbstständigkeit. Mit der staatlichen Unterstützung von fünfhundert Talern und dem Auftrag durch die Regierung Truppen mit Tüchern zu versorgen, konnte er in der Folgezeit elf Arbeiter unterhalten und sich  über die städtischen Grenzen hinaus etablieren (Koch 1958, S. 98-108).

Mit der Eröffnung der Universität 1737 erschloss sich Grätzel ein neues Klientel: Er stellte sich gut mit der universitären Obrigkeit, richtete Häuser für Studenten her und propagierte so seine Nähe zur Wissenschaft. 1739 arbeiteten bereits 158 Personen für ihn und seine Manufaktur erlebte in der Folge ihre Blütezeit. Als Kurfürst Georg August die Universität und Grätzels Fabrik 1748 besuchte, verlieh er ihm den Titel des „Obercommerzien Commissarius“. Diese guten Verbindungen zum Hof ermöglichten es ihm, sich gegen seine Konkurrenz in Göttingen durchzusetzen, da er dazu privilegiert war bestimmte Waren herzustellen. Im Grätzelhaus waren zu dieser Zeit drei kurhessische Prinzen für ihr Studium untergebracht. Erfolg, Reichtum und Ehre von Johann Heinrich Grätzel standen so in direkter Abhängigkeit zum Hof (Koch 1958, S. 110-134).

Siebenjähriger Krieg und Niedergang der Fabrik

Der Siebenjährige Krieg (1756-1763) veranlasste Grätzel dazu, aus dem von Franzosen besetzten Göttingen zu fliehen. Da er den Betrieb in der Stadt nicht aufrecht erhalten konnte, gerieten die Tuchlieferungen für die Regimenter ins Stocken. Zu dieser Zeit wurde das Grätzelhaus von dem französischen Prinzen de Soubise bewohnt. Erst 1762 konnte Grätzel in sein Haus zurückkehren. Wieder erbat er eine staatliche Unterstützung von 3000 Talern, doch das Wohlwollen ihm gegenüber schwand und erst nachdem er seine Fabrik instand gesetzt hatte, wurden ihm seine Privilegien erneut zugesprochen. Zu einer neuen Blütezeit konnte seine Manufaktur aber nicht geführt werden. 1770 starb Grätzel, woraufhin seine Söhne die Verleihung eines Adelstitels beantragten, der ihnen mit „Grätzel von Grätz“ zugesprochen wurde. Das Erbe des Grätzelhauserbauers verursachte jedoch Streit zwischen zweien seiner drei Söhne um die Leitung der Fabrik. Der älteste Sohn nahm die Position des Vaters in Anspruch und fand den Jüngsten finanziell ab. Trotz Arbeitermangel und Absatzkrise gelang es Grätzel (II) die Geschäfte am Laufen zu halten. Er beschäftigte am Ende des 18. Jahrhunderts wieder über 300 Personen in der nun größten und ältesten Fabrik im Kurfürstentum Hannover. Auch ihm wurde der Titel des „Obercommerzien Comissarius“ durch König Georg III. verliehen. Dieser kurze Aufschwung war jedoch nicht von Dauer, weil Grätzel der aktuellen Mode nicht nachging und immer wieder in Streit mit der Regierung geriet.

Grätzelhaus um 1890 von einem unbekannten Fotographen.

Grätzelhaus um 1890 von einem unbekannten Fotographen.

So übernahm Grätzel (III) nach dem Tod seines Vaters (II) 1820 einen Betrieb, der kaum noch zu retten war. Denn die Hilfen, die die Regierung seinem Großvater (I) gewährt hatte, forderte der Staat nun zurück. Außerdem gab es einen neuen Konkurrenten, den Färber Eberwein, der Grätzels Privilegien mit der Produktion in Duderstadt umging. 1846 musste Grätzel (III) schließlich den Konkurs der Firma anmelden, der mit dem der Verkauf aller Gebäude außer dem Grätzelhaus einherging. Die Fabrikanten Levin und Böhme kauften den Betrieb auf und nahmen so den Platz der Familie Grätzel in Göttingen ein (Koch 1958, S. 152-228).

Weg in die Moderne

Nachdem Grätzel (III) 1860 verstarb, war Auguste Grätzel die letzte Bewohnerin der Familie im Haus. Sie vermietete das Gebäude an acht weitere Haushalte, was ihr Einkünfte bescherte, die für ein sehr gutes Leben ausreichten. Zu dieser Zeit lebte im Grätzelhaus unter anderem Rudolf Winkel, der die feinoptische Industrie in Göttingen einführte und später mit Carl Zeiss fusionierte. Somit wurde das Haus indirekt zum Schnittpunkt der alten und neuen Industrie. 1891 verkaufte Auguste Grätzel den Barockbau schließlich an einen Klavierfabrikanten. Später war in ihm erst das Café National (1897) und im 20sten Jahrhundert das Stadtkaffee untergebracht. Nun sind es die Gaststätten „Mr. Jones“ und „Kartoffelhaus“. Heute erinnert vor allem die Grätzelstraße an den Namen der Familie Grätzel in Göttingen.Teile der Inneneinrichtung des Hauses sind im Stadtarchiv ausgestellt (Sachse 1987, S. 180f.; Koch 1958, S. 220f.; van Kempen 1953, S. 66; Tamke 1997, S. 54).

Literatur:

Behrendsen, Otto (Hg.) (1900): Die mechanischen Werkstätten der Stadt Göttingen. Ihre Geschichte und ihre gegenwärtige Einrichtung, Hannover.

Girod, Sonja (2009): Ausgegraben! Göttinger Stadtgeschichte von 1600 bis 1800 im Spiegel neuer archäologischer Funde. Eine Ausstellung des Städtischen Museums Göttingen und der Stadtarchäologie Göttingen, Göttingen.

Koch, Diether (1958): Das Göttinger Honoratiorentum. Vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung mit besonderer Berücksichtigung der ersten Göttinger Unternehmer, Göttingen.

Meyermann, Georg (1904): Göttinger Hausmarken und Familienwappen. Nach den Siegeln des Göttinger städtischen Archivs, Göttingen.

Sachse, Wieland (1987): Göttingen im 18. und 19. Jahrhundert. Zur Bevölkerungs- und Sozialstruktur einer deutschen Universitätsstadt, Göttingen.

Stadt Göttingen (Hg.) (1987): Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht, Göttingen.

Tamke, Georg (1997): Göttinger Straßennamen nach Familien, Bürgern und Personen, Göttingen (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göttingen / Stadtarchiv, Göttingen).

van Kempen, Wilhelm (1953): Göttinger Chronik, Göttingen.

Wellenreuther, Hermann (1988): Göttingen 1690-1755. Studien zur Sozialgeschichte einer Stadt, Göttingen.

Weblinks:

Wikipedia Grätzelhaus

Die städtische höhere Töchterschule

von Svenja Dehler

Das heutige Hainberg-Gymnasium in Göttingen blickt auf eine knapp 150-jährige Schulgeschichte zurück, die 1866 mit der Einrichtung einer städtischen höheren Töchterschule begann. Die Gründung der Schule war ein Meilenstein in der öffentlich organisierten Mädchenbildung in Göttingen. Insbesondere für Töchter aus gutbürgerlichen Familien von Professoren und Lehrern war die Schule vorgesehen.

Vorgeschichte

Im Jahr 1806 kam es in Göttingen zur Gründung der ersten öffentlichen Töchterschule, auch Universitäts-Töchterschule genannt. Johann Philipp Trefurt, ein Göttinger Theologe und Superintendent der Stadt, hatte das Anliegen, die Bildung junger, bürgerlicher Mädchen zu fördern. Seine Schule musste ohne staatliche Zuschüsse auskommen. Stattdessen wurden Unterhaltungskosten und Personalausgaben mit Hilfe von Schulgeldern finanziert. Dieses erste organisierte Institut mit ausgebildeten Lehrkräften legte den Grundstein für zukünftige Projekte zur Mädchenbildung. Einige Jahre nach Trefurt eröffnete Friedrich Schwerdfeger 1843 das ebenfalls mit Schulgeldern finanzierte Institut Schwerdfeger. Der Bedarf an Mädchenschulen zu der Zeit war enorm hoch. Innerhalb der ersten Jahre waren es bereits etwa 130 Schülerinnen, die in der Einrichtung Schwerdfeger lernten und die Zahlen stiegen weiter. In den Jahren zwischen 1843 und 1866 gab es noch weitere Privatschulen für Mädchen, die jedoch oftmals nicht den besten Ruf hatten und in denen die Bildung mittelmäßig war (Spieker 1990, S. 13-16, 34-39).

Die städtische höhere Töchterschule

In Göttingen gab es lange Zeit kein geregeltes Mädchenschulwesen. Dies ist verwunderlich aufgrund der vielen, an der Universität angestellten Professoren und Lehrern, die ihren Töchtern eine angemessene Ausbildung bieten wollten. Erst nach langem Nichtstun und Hinnehmen der Situation mobilisierten sich die Eltern und forderten 1865 vom Magistrat die Gründung einer mittleren und höheren Bürger- und Töchterschule. Erst nach einer erneuten Petition Ende des gleichen Jahres wurde eine Kommission berufen, die ein Konzept für eine Mädchenschule ausarbeitete. Erstaunlich schnell gab der Magistrat dem Antrag statt und übernahm die Forderungen unverändert. 1866 konnte schließlich der Unterricht an der Schule, die sich an der Ecke Ritterplan und Jüdenstraße befand, beginnen.

Städtische Höhere Mädchenschule in der Jüdenstraße 38-39, Juni 1972.

Ehem. städtische Höhere Mädchenschule in der Jüdenstraße 38-39, Juni 1972.

Wie bereits an den anderen Bildungseinrichtungen musste auch an der städtischen höheren Töchterschule Schulgeld bezahlt werden. Allerdings gab es, im Unterschied zu den vorherigen Institutionen, eine finanzielle Förderung seitens des Staates. Die Zahlen entwickelten sich positiv: Bis 1879 gab es acht Klassen mit insgesamt 185 Schülerinnen zwischen sechs und 16 Jahren, acht Lehrer und zwei Hilfskräfte. Innerhalb von 15 Jahren stieg die Zahl der Schülerinnen auf 298 an. Um der Menge an Mädchen gerecht zu werden reichte das Schulgebäude im Ritterplan 8 bald nicht mehr aus. 1880 wurde ein neues Gebäude an der Ecke Nikolaistraße/ Bürgerstraße gebaut (heute Bonifatius-Schule II). Nach Fertigstellung siedelte die gesamte Schulgemeinde in das neue Gebäude über. Der Erfolg der Schule setzte sich weiter fort: 1909 wurde die Schule zum Lyceum erklärt. Auch die Anzahl der Schülerinnen stieg stetig. Der Bedarf an mehr Platz nahm weiter zu und so wurde 1911 im Friedländer Weg 19-23 (heutiges Hainberg-Gymnasium) ein neues Gebäude errichtet. Im Jahr 1927 konnten erstmals 16 Schülerinnen am Hainberg–Gymnasium die Reifeprüfung ablegen. Trotz dieser positiven Entwicklung erhielt die Schule erst 1957 den Status eines Gymnasiums. 1971 kam es zu einer weiteren Veränderung: Zum ersten Mal wurden auch Jungen aufgenommen (Spieker 1990, S. 43-46).

Friedländer Weg 19 001 Städtisches Lyzeum. Einweihung 19.5.1913.

Städtisches Lyzeum, im Friedländer Weg 19. Einweihung 19.5.1913.

Ein verändertes Familien- und Eheverhältnis

Durch das erweiterte Bildungsangebot für Mädchen kam es zu Wandlungen des Frauenbildes in der Ehe und Familie. Lange Zeit hatten Frauen die Pflichten und Aufgaben einer Mutter und Hausfrau zu erfüllen, die ihrem Ehemann unterstellt war. Dieses Bild veränderte sich mit den vielfältigeren Bildungsmöglichkeiten, die Frauen geboten wurden. Anhand der Göttingerin Dorothea Schlözer, die als erste Frau in Deutschland 1787 die Doktorwürde erhielt, lassen sich die Fortschritte und Veränderungen innerhalb der Familie sowie zwischen den Ehepartnern darstellen. Schlözer konnte nur durch die intensive Förderung ihres Vaters, der gewettet hatte, dass auch Frauen zum „Denken geschaffen“ seien, eine universitäre Ausbildung an der Göttinger Universität genießen. Nach erfolgreichem Abschluss des „Erziehungsexperiments“ durfte Dorothea, aufgrund der damaligen Regeln, nicht an den Feierlichkeiten zur Verleihung des Doktortitels teilnehmen (Koerner 1989, S. 132-135).

Trotz eines Doktortitels in Philosophie und einer umfangreichen, für die Zeit außergewöhnlichen Bildung, hielt Dorothea Schlözer an dem traditionellen Ehebild fest. Es stand außer Frage, dass sie heiraten und eine Familie gründen würde. Allerdings, und das ist der entscheidende Punkt, sah sie sich nicht in der Position einer Hausfrau und eine dem Mann unterstellten Ehefrau gebunden. Vielmehr wollte sie ihrem Ehemann eine „Gefährtin und Gehilfin“ sein, die zum Einkommenserwerb der Familie beitrug.

Auch wenn Dorothea Schlözer lange Zeit vor der Gründung der städtischen höheren Töchterschule gelebt und gewirkt hat, waren ihre Ansichten zum Familien- und Eheverständnis neu und herausragend für ihre Zeit. Ihr Bild von der Beziehung zwischen Mann und Frau innerhalb der Familie war revolutionär (Koerner 1989, S. 132-135). Nur wenige Jahre danach etablierte sich dieses Bild in vielen Familien, in denen Mädchen und Frauen die neuen Möglichkeiten einer schulischen Ausbildung genießen konnten (Habermas 2000, S. 232-242). Im späten 19. Jahrhundert schließlich übernahmen bürgerliche Frauen zunehmend Aufgaben in der öffentlichen Wohlfahrt (siehe Frauenverein) und ergriffen Lehr- und Pflegeberufe (siehe Diakonie).

Literaturverzeichnis:

Spieker, Ira (1990): Bürgerliche Mädchen im 19. Jahrhundert, Erziehung und Bildung in Göttingen 1806-1866, Göttingen.

Habermas, Rebekka (2000): Frauen und Männer des Bürgertums. Eine Familiengeschichte (1750-1850), Göttingen.

Koerner, Marianne (1989): Auf die Spur gekommen. Frauengeschichte in Göttingen, Weigang/ Neustadt.

Der Frauenverein zu Göttingen

Von Ann-Christin Lembke

In Zusammenarbeit mit der städtischen Einrichtung der Armendeputation gelang es den engagierten Mitgliedern des Frauenvereins zu Göttingen, sich und ihre Vereinstätigkeit ab dem Jahr 1840 als wichtigen Bestandteil der Göttinger Armenpflege zu etablieren. Durch großzügige Spenden, auf die der Verein bis zu seiner Schließung 1956 angewiesen bleiben sollte, konnte im Jahr 1842 schließlich das Haus „Neustadt 12“ erworben werden. Die neuen Räumlichkeiten wurden nicht nur für Lager- und Verwaltungszwecke genutzt, auch eine Kochanstalt, eine Dienstbotenschule, eine Näherei, eine Spinnerei, sowie eine Kleinkinderschule fanden Platz in dem stattlichen Gebäude (Weber-Reich 1993, S. 31f.). Die ursprünglichen Vorstadthäuser der Straße Neustadt wurden nach und nach durch großflächige Wohnhäuser ersetzt. Auch das Haus des Frauenvereins wurde überbaut.

Das Wirksamwerden der Frauen im Zeichen „christlicher Liebesthätigkeit“

Neben zahlreichen anderen Frauenvereinen deutscher Städte gründete sich auch der Verein der Göttinger Frauen unter dem Vorsatz „christlicher Liebesthätigkeit“ (Weber-Reich 1989, S. 1). Dieser spezielle Begriff appellierte vor allem an die Tugenden der christlichen und bürgerlichen Frau des 19. Jahrhunderts. Praktisch umgesetzt werden konnten dieses Prinzipen, indem man die Bedürftigen der Heimatstadt unterstützte (Weber-Reich 1989, S.19). Allerdings stand die Vereinsarbeit an sich nie im direkten Zusammenhang zur Kirche; vielmehr sollte der Beitrag der Frauen als öffentliche Anteilnahme an der Verbesserung des Soziallebens der Stadt Göttingen verstanden werden (Weber-Reich 1989, S. 28).

Die Form der Hilfestellung, die durch diese Art von Unterstützungstätigkeit gewährleistet werden sollte, gliederte sich in einen öffentlichen und in einen privaten Teil. Während der öffentliche Part die Grundversorgung, wie zum Beispiel die Speisung bedürftiger Personen beinhaltete, trug der private Part zu einer Weiterentwicklung der individuellen Armenpflege bei. Hier standen nicht „die Armen“ in ihrer gesamten Masse im Fokus, sondern die aktive Notminderung für einzelne Personen und Familien. Dies bedeutete beispielsweise Unterschichtangehörigen zu helfen, eine „würdige Berufstätigkeit“ zu erlangen, auch Frauen (Weber-Reich 1989, S.19).

Das große Interesse und die Aktionsbereitschaft der Frauen trugen dazu bei, dass bereits bei der ersten Zusammenkunft am 1. März 1840 vorläufige Statuten des Frauenvereins (Quelle 1) festgelegt wurden. Hierbei wurden folgende Vorhaben angestrebt:

1. Die Versorgung Kranker und Schwacher mit warmer Speise.
2. Die Beschäftigung armer Frauenzimmer durch weibliche Handarbeiten.
3. Das Streben, verarmten Handwerkern und Tagelöhnern Arbeit und Kunden zu verschaffen.
4. Die Erziehung Armer Mädchen für den Dienstbotenstand.
5. Die Errichtung einer Verwahrschule für arme Kinder.
6. Die Sammlung von Kleidungsstücken für arme.

Die leitenden Grundsätze (Quelle 2) hierbei waren:

„Im Einklang mit der Armenverwaltung [zu] wirken, vorzugsweise nur würdige arme unterstützen [und] in der Regel nicht durch baares [sic] Geld, sondern durch Gelegenheit zum Verdienste und Verschaffen nothwendiger [sic] Lebensbedürfnisse [zu] helfen“.

„Edle Frauen und Töchter Göttingens gründen einen Verein“ (Weber-Reich 1989, S. 24)

Ziele und Arbeitswege des Vereins waren schnell gefunden. Die Umsetzung der Pläne, der direkte Kontakt zu den Armen und die Arbeit mit ihnen gestaltete sich jedoch aufgrund der Unerfahrenheit der Frauen auf dem Gebiet der Armenfürsorge anfänglich schwierig (Weber-Reich 1989, S. 31). Nicht nur die Statuten erforderten nach und nach einige Aktualisierungen, auch die Deutungsmuster und Denkweisen der Vereinsfrauen mussten sich einer aufklärerischen Generalüberholung unterziehen. So war einer der großen Unterschiede zwischen dem Frauenverein und der Armendeputation Göttingens, dass letztere gesetzlich dazu verpflichtet war, alle Armen zu unterstützen. Wie aus den oben genannten Leitgrundsätzen von 1842 hervorgeht, zog es der Frauenverein allerdings vor, seine Hilfe nur den „würdigen“ Armen zu Teil werden zu lassen (Weber-Reich 1989, S. 23, 26). (Für weitere Abzweigungen im Bereich der Armenfürsorge siehe auch St. Michaelis – Die katholische Gemeinde und ihre Armenfürsorge.)

„Würdig“ waren in diesem Sinne beispielsweise Kranke, Alte, Verwitwete, Kinderreiche, Verwaiste, Verlassene und nur zeitweise Arbeitslose. Sprich solche Arme, die vermeintlich unverschuldet in ihre missliche Lage geraten waren und eben nicht jene, die aufgrund ihres angeblich verschwenderischen Lebensstils selbst für ihre Armut verantwortlich gemacht wurden (Weber-Reich 1989, S. 30-32).
Der Kontakt und die direkte Beschäftigung der bürgerlichen Frauen der Mittel- und Oberschicht mit den Armen ihrer Stadt ließ das eingefahrene Bild der Armut als Teil der „göttlichen Ordnung“ in den Köpfen der Frauen jedoch rasch erschüttern (Weber-Reich 1989, S. 32). Durch die wöchentlichen Besuche der Helferinnen konnte eine persönliche Beziehung zu den Bedürftigen aufgebaut werden und die Vereinsfrauen lernten immer mehr über die individuellen Schicksale und Verarmungsursachen der zu Pflegenden. Folge dieser Erkenntnis war, dass nun auch Arme, die sich als vertrauenswürdig erwiesen, in die Obhut der Vereinsfrauen aufgenommen wurden (Weber-Reich 1989, S.33).

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Foto: Vereinshaus Neustadt 12, Archivfoto des städtischen Museums Göttingen

Die Mitglieder des Frauenvereins – Von der Ehefrau zur Ausbilderin

Betrachtet man die soziale Herkunft der Mitglieder des Frauenvereins, so erklärt sich ihr anfängliches Verhalten gegenüber „selbstverschuldet“ Armen. Beschränkte sich der Zuständigkeitsbereich der „rechtschaffenden und ordentlichen“ Frauen zunächst auf den sozialen Spielraum ihrer Väter, Familien oder Ehemänner, so verschafften sie sich durch den Vereinseintritt ihr eigenes Wirkungsfeld und einen selbstständigen Tätigkeitsbereich, losgelöst von dem Personenkreis des Umfeldes ihrer Männer (Weber-Reich 1989, S. 29-31). Hierbei sollte jedoch beachtet werden, dass ein Großteil der Vereinsfrauen mit Professoren der Universität verheiratet war. Im Hinblick auf die Finanzierung des Vereins über Spenden und Veranstaltungen zu seinen Gunsten ist der Beitrag der Ehemänner und der Universität nicht außer Acht zu lassen (Weber-Reich 1989, S. 10).
Doch die Frauen blühten in ihren neuen Aufgaben auf und der Verein entwickelte sich zu einer fest etablierten Instanz des sozialen Lebens Göttingens. Obschon stets als Unterstützungsorgan der Armendeputation gedacht, schien die Arbeit für den Frauenverein so beflügelnd, dass die Mitgliederzahl noch im Gründungsjahr auf 242 stieg und die Arbeitszweige und Ziele des Vereins stark erweitert werden konnten. Viele Mitglieder sind sogar ohne Berufsbezeichnung ihres Mannes eingetragen, was die Position der Vereinsfrauen als selbstständige und tatkräftige Akteurinnen hervorhob (Weber-Reich 1989, S. 29).

Ein weiteres Novum fand sich außerdem in der Besetzung der Lehr- und Erziehungsstellen der „Schulanstalten zur Erziehung armer Kinder“ (Weber-Reich 1989, S. 33). Durch ihre meist von Haus aus guten Ausbildung in den weiblichen Handarbeitstätigkeiten und die eigenen Familienerfahrungen bezüglich der Arbeit mit Kindern gliederten sich die Frauen reibungslos in die Erziehungsarbeit ein und gewährleisteten so kostengünstige, da zumeist freiwillige Arbeitskraft. Die Frauen arbeiteten demnach nicht nur mit bereits ausgebildeten Lehrerinnen und Gehilfinnen zusammen, sie wurden teilweise selbst zu solchen (Weber-Reich 1989, S. 30f).
Dieser Schritt hin zur Emanzipation der Frauen führte in der Öffentlichkeit immer wieder zu dem Vorwurf, die Frau würde durch die Vereinsarbeit ihrer natürlichen Rolle entzogen (Weber-Reich 1989, S. 19). Die Erfolge ihres Engagements rechtfertigten diese Neuheiten jedoch nach und nach. (Zur Bildung und Ausbildung der Frauen im 19. Jahrhundert siehe auch: Die städtische höhere Töchterschule.)

Das Wirkungsfeld des Frauenvereins: Die acht Arbeitszweige

Beginnend mit der Versorgung der Armen mit warmer Speise und der Mitarbeit in der Familien- und Krankenpflege, gelang es den Vereinsfrauen die Arbeitszweige nach und nach um sechs Hauptzweige zu erweitern. Mit Erlangung des Vereinshauses in der Neustadt 12 (1842) wurden dem Verein eine Spinnerei, eine Stickerei, eine Weißnäherei, die Arbeit an der Kinder- und Mädchenfürsorge, eine Dienstbotenschule und eine Kleinkinderbewahranstalt angegliedert (Weber-Reich 1989, S.35). Aufgrund steter finanzieller und personeller Schwierigkeiten wurden in den folgenden Vereinsjahren keine weiteren Arbeitszweige hinzugefügt, stattdessen sollte die Arbeit in den vorhandenen Arbeitsbereichen intensiviert werden (Weber-Reich 1989, S.30).

Die finanziellen Schwierigkeiten, die den Frauenverein stets begleiteten, führten im Jahr 1956 schließlich zur Auflösung. Die von den Vereinsfrauen in die Wege geleiteten Schritte sollten jedoch nicht umsonst gewesen sein: Einzelne Arbeitszweige, wie die Armenküche und die Kinderbewahranstalt wurden vom Evangelischen Frauenbund übernommen und auch die Armendeputation übernahm einige Arbeitsweisen und Aufgabenbereiche in den eigenen Tätigkeitsbereich auf (Weber-Reich 1989, S. 2).

Stand: 30.01.2013

Literatur

Denecke, Dietrich/ Böhme, Ernst (1987): Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt (Bd. 2), Göttingen.

Weber-Reich, Edeltraut (1989): Der Frauenverein zu Göttingen von 1840 bis 1956. Ein Beitrag zur Volkskundlichen Frauen-Vereinsforschung und zur Sozialgeschichte der Stadt Göttingen, unveröffentlichte Magisterarbeit, Göttingen.

Weber-Reich, Edeltraut (1993): „Um die Lage der hiesigen nothleidenden Classe zu verbessern“. Der Frauenverein zu Göttingen von 1840 bis 1956. Studien zur Geschichte der Stadt Göttingen (Bd. 18), Göttingen.

Quellen

1) Vorläufige Vereinsstatuten vom 1. März 1840. § 22, StadtA Gö, Dep. 30/1.

2) Frauenverein zu Göttingen, Jahresbericht 1842, S. 4, StadtA Gö.

Der Konsumverein

Foto 1

Verkaufsstelle in der Jüdenstraße 3, Quelle: Eggers, 1916, S.35.

Von Carlotta Koch

Am 27. März 1866 wurde der Konsumverein zu Göttingen gegründet. Er bot seinen Mitgliedern, Angestellten in und außer Dienst, Militärpersonen, Lehrern, Professoren und Personen, die im öffentlichen Dienst tätig waren, sowie deren Witwen und unverehelichten Töchtern, die Möglichkeit, die „hauptsächlichsten Gegenstände des täglichen Verbrauchs auf die möglichst vorteilhafteste Weise und in guter Qualität“ zu verschaffen (Eggers, 1916, S.12). In Verkaufsstellen in der Jüdenstraße, am Papendiek, in Weende und in Grone konnten seine Mitglieder Nahrungsmittel und Kleidung zu selbst bestimmten Preisen erwerben.

Eine Stimme für jeden, gleiche Beitrittsbedingungen für alle, Lieferung unverfälschter Ware, politische und religiöse Neutralität – dies waren die Grundsätze der Konsumvereine- bzw. Konsumgenossenschaften, die in Deutschland im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung gegründet wurden (Prinz, 1996, S. 113). Mit dem gemeinsamen Ziel, die Lebenshaltung durch günstigere Warenversorgung zu verbessern, schlossen sich Arbeiter und Akademiker gleichermaßen zusammen und erschufen eine Massenbewegung, die sich gegen Preisdiktatur und die Vormachtstellung der Produzenten wehren sollte.

Wie alles begann

Die Konsumvereine sind unter anderem ein Ergebnis der Industrialisierung, die im 19. Jahrhundert in Deutschland stattfand. Immer mehr Arbeitskräfte zogen vom Land in die Stadt und fanden dort schlechte Wohn- und Arbeitsverhältnisse vor. Allein in den Jahren von 1850 bis 1870 stieg der Anteil der städtischen Bevölkerung um 16 Prozentpunkte auf über 50 %, sodass eine Versorgung mit ausreichendem Wohnraum kaum noch gewährleistet werden konnte. Darüber hinaus bestand der noch verfügbare Wohnraum zum größten Teil aus gesundheitsgefährdenden Kellerwohnungen, die in den seltensten Fällen über Toiletten verfügten (Kleinschmidt, 2008, S.72).

Neben zentralen Problemen wie der Wasserversorgung, waren viele Arbeitskräfte von Krämern finanziell abhängig. Bei diesen deckten sie ihren Bedarf an Lebensmitteln und ähnlichem, indem sie Kredite aufnahmen.

Finanzielle Abhängigkeiten dieser Art bestanden jedoch nicht nur im lokalen Kontext, sondern auch auf überregionaler Ebene. Die Personen, die sich in den Konsumvereinen zusammenschlossen, betrachteten ihre Genossenschaften häufig als eine „Vereinigung der Kräfte“, als ein Mittel, um dem immer weiter anwachsenden Großkapital entgegenzutreten (Eggers, 1916, S.3).

Mitspracherecht

Wie eingangs erwähnt verfügten alle Mitglieder eines Konsumvereins über gleiches Stimmrecht. So hatte jeder eine Stimme, unabhängig davon, wie hoch die Einzahlung war, die jedes Mitglied zur Beschaffung der Lebensmittel zu leisten hatte. Auch die Bedingungen für den Eintritt in eine der Genossenschaften sahen für alle Mitglieder gleich aus, egal, welcher Schicht sie angehörten.

Die Zusammensetzung der Mitglieder war ohne Zweifel sehr gemischt. Während sich in England, dem Mutterland der Konsumgenossenschaftsbewegung, vorzugsweise Arbeiter zusammenfanden, gab es andererseits auch Unternehmer, die an einem verstärkten Entstehen der Vereine interessiert waren. Sie hofften, durch eine günstigere Versorgung den Arbeitswillen bei ihren Arbeitern zu fördern.

Foto 2

Vorstand des Vereins, Quelle: Eggers, 1916, S.37.

Vor diesem Hintergrund erscheint die soziale Herkunft der Mitglieder des Göttinger Konsumvereins etwas ungewöhnlich. Denn dieser bestand zu einem großen Teil aus einem Vorstand, dessen Mitglieder Lehrer, Kaufleute, Professoren, Steuereinnehmer und Buchhalter waren. Natürlich waren unter den wenigen Angestellten auch einige Tischler, Lagerhalter und Arbeiter zu finden (Eggers, 1916, S.35-37). Dennoch waren diese eindeutig in der Minderheit, was auf die Tatsache zurückzuführen sein könnte, dass die Industrialisierung in Göttingen erst mit der Jahrhundertwende, also verhältnismäßig spät, einsetzte.

Die übergeordnete Idee, die hinter den Vereinen stand, nämlich im Konsum Selbstachtung und Selbstverwirklichung realisieren zu können, einte die Bürger offensichtlich so sehr, dass Standesgrenzen überwunden wurden (Haupt, 2003, S.55).

Widerstand

Konsumvereine stellten insofern eine Besonderheit dar, als sie den Handel revolutionierten, indem sie die Versorgungslage und den Marktzugang unter anderem durch Eigenproduktion stabilisierten und zugleich Ausdruck des Protests und des Widerstands gegen überhöhte Preise, schlechte Herstellungsbedingungen und mindere Qualität waren. Obwohl sie den alltäglichen Bedarf an Massenkonsumgütern befriedigten und dementsprechend häufig als „Basis der Konsumgesellschaft“ bezeichnet wurden, schlugen ihnen schnell Ablehnung und Widerstand entgegen (Kleinschmidt, 2008, S.81). Andere Händler sahen sich bedroht, da sie fürchteten, mit den zum Teil unschlagbar günstigen Preisen der Konsumvereine nicht mithalten zu können und abgedrängt zu werden.

Diese Ablehnung wird vor allem in einem Bericht deutlich, der im Jahr 1868 in einer Zeitung für das Genossenschaftswesen abgedruckt wurde:

„Der allerdings glänzende Erfolg dieses Ladens hat dem Konsumvereine von den Gewerbetreibenden, welche sich dadurch in ihrer Existenz bedroht fühlen, eine Feindschaft zugezogen, welche sich in eben so bedauerlichen, als ohnmächtigen Handlungen Luft macht.“

Weiter heißt es darin:

„Das Konsumvereinslager ist verfehmt für alle, welche sich in irgendeiner Weise nicht ganz unabhängig von den Kaufleuten und anderen Konkurrenten fühlen“ (Schloesser, 1926, S.10).

Nichtsdestotrotz ließ sich die Idee der Konsumvereine nicht mehr unterdrücken, als sie erst einmal aufgekommen war. Anstatt sich einschüchtern zu lassen, ergriffen die Mitglieder andere Maßnahmen, um nicht weiter in Ungnade zu fallen und das allgemeine Gleichgewicht zu wahren.

Demonstrativer Gemeinnutzen

In Göttingen äußerten sich diese Maßnahmen in einem demonstrativen Gemeinnutzen, der die demokratisch anmutenden Grundprinzipien des Vereins weiter unterfütterte: Man konsumierte nicht nur, man gab der Gesellschaft auch etwas zurück. Denn abgesehen von kleineren Beeinträchtigungen in den Kriegsjahren 1870/71 erzielte der Verein bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges gute Gewinne. Unabhängig von Mitgliederzahlen und Umsatz bestand unter den Mitgliedern eine rege Beteiligung am Gemeinwesen. Sie förderten Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen, leisteten Zahlungen an die Volksbibliothek, die Kriegsfürsorge und die sogenannten Kinderbewahranstalten. Den Angestellten des Vereins wurden vom Vorstand Mittagspausen und Sonntagsruhe, sowie Beiträge für die Kranken-, Alters-, und Invalidenversicherung zugestanden (Eggers, 1916, S.42).

Das Erbe der Konsumvereine

Ein paar Jahrzehnte später, in den 1960er Jahren, war die Idee des Gemeinnutzens jedoch in den Hintergrund getreten. Große Discounter waren im Kommen und der Wettbewerbsdruck stieg stetig. Um diesem Druck standhalten zu können, änderten die Vereine ihre Rechtsform, sodass aus den Konsumgenossenschaften, die vor allem darauf angelegt waren, ihre Mitglieder gleichberechtigt zu fördern, Aktiengesellschaften wurden, die hauptsächlich auf eine Maximierung des Gewinns ausgerichtet waren. Die meisten aller westdeutschen Konsumvereine verschmolzen daraufhin zur coop AG.

Literatur

Eggers, Heinrich (1916), Die Geschichte des Konsum-Vereins Göttingen 1866-1916. Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum, Göttingen.

Haupt, Heinz-Gerhard (2003), Konsum und Handel. Europa im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen.

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