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Das Grätzelhaus – Pallas Athene und Hermes in Göttingen

von Boris Schuster

Der imposante und größte Barockbau der Stadt wurde ab 1739 errichtet.​ Seitdem hat er viele Veränderungen der Göttinger Sozialgeschichte miterlebt, aber das Haus existiert noch immer in der Goethe-Allee 8. Heute beherbergt es die Gaststätten „Mr. Jones“ und „Kartoffelhaus“.

Das Grätzelhaus 2012, Fotographie von Jan Stubenitzky

Das Grätzelhaus 2012, Fotographie von Jan Stubenitzky

Erbaut wurde das Grätzelhaus von Johann Heinrich Grätzel, der ab 1736 der reichste Mann Göttingens und später „Obercommerzien Commissarius“ war. Er besaß noch zwölf weitere Häuser, Unterkünfte und Produktionsstätten für seine Tuchmanufaktur. Damit stand er an der Spitze der Honoratiorenschicht dieser Zeit (Sachse 1987, S.180ff.).

Pallas Athene und Hermes

Um sein Haus erbauen zu können, ließ er die „Güldene Straße“ trocken legen. Die beeindruckende Hauptfassade, die dort entstand, ist in sechzehn Fensterachsen über fünf Etagen unterteilt und das erst 1746 fertig gestellte, mit zwei Doppelsäulen und Wappenschmuck verzierte, Sandsteinportal markiert den Eingang des pompösen Hauses. Der Wappenschmuck des Portals zeigt rechts das Hauswappen und links das Emblem der Naturforscherakademie. Das Portal wird  auf dem Dachgiebel von zwei Statuen der griechischen Mythologie flankiert. Auf der einen Seite befindet sich Athene, der Schutzgöttin der Künste und Wissenschaften.

Das alte Grätzelhaus. Von Georg Daniel Heumann um 1740

Das alte Grätzelhaus. Von Georg Daniel Heumann um 1740

Sie stellte, kurz nach der Eröffnung der Georg August Universität 1737, ein klares Symbol für die in den folgenden Jahrhunderten wichtigste, soziale Ader der Stadt dar. Auf der anderen Seite steht Hermes, der in der hellenistischen Welt den Handel verkörpert. Für Johann Heinrich Grätzel waren der Handel und die Tuchmanufaktur die Quelle seines Reichtums und er rief dafür den symbolischen Schutz des griechischen Gottes an. Außerdem ließ er zwölf Knabenstatuen fertigen, die für die sechs Sinne und sechs freien Künste standen und im Garten des Hauses platziert wurden (Girod 2009, S.12f.; Koch 1958, S.115f.).

Familien-Dynastie Grätzel entsteht

Leisten konnte sich Johann Heinrich Grätzel (I) diese Lebensweise nicht von Geburt an. Als er 1691 in Dresden geboren wurde, war sein Vater vermutlich „Director der Manufacturen“.

Wappen (Meyermann 1904, Tafel 8, 180)

Wappen (Meyermann 1904, Tafel 8, 180)

Darüber welchen Reichtum die Familie besaß, kann nur spekuliert werden. Als wahrscheinlich gilt, dass der Vater nicht viele Mittel besaß und Grätzel eine Ausbildung als Waid- und Kunstfärber begann. Ab 1712 arbeitete er in einer Göttinger Tuchfabrik, weshalb ihm 1716 das Bürgerrecht verliehen wurde. Von Anfang an bemühte sich der Neubürger um Steuerfreiheit und staatliche Hilfen. Dies ermöglichte ihm, sich ein kleines Haus in der Mariengemeinde zu kaufen und dort zwei Zeugmacher einzustellen. Zusätzlich richtete er sich einen kleinen Verkaufsladen ein und machte so erste Schritte in Richtung Selbstständigkeit. Mit der staatlichen Unterstützung von fünfhundert Talern und dem Auftrag durch die Regierung Truppen mit Tüchern zu versorgen, konnte er in der Folgezeit elf Arbeiter unterhalten und sich  über die städtischen Grenzen hinaus etablieren (Koch 1958, S. 98-108).

Mit der Eröffnung der Universität 1737 erschloss sich Grätzel ein neues Klientel: Er stellte sich gut mit der universitären Obrigkeit, richtete Häuser für Studenten her und propagierte so seine Nähe zur Wissenschaft. 1739 arbeiteten bereits 158 Personen für ihn und seine Manufaktur erlebte in der Folge ihre Blütezeit. Als Kurfürst Georg August die Universität und Grätzels Fabrik 1748 besuchte, verlieh er ihm den Titel des „Obercommerzien Commissarius“. Diese guten Verbindungen zum Hof ermöglichten es ihm, sich gegen seine Konkurrenz in Göttingen durchzusetzen, da er dazu privilegiert war bestimmte Waren herzustellen. Im Grätzelhaus waren zu dieser Zeit drei kurhessische Prinzen für ihr Studium untergebracht. Erfolg, Reichtum und Ehre von Johann Heinrich Grätzel standen so in direkter Abhängigkeit zum Hof (Koch 1958, S. 110-134).

Siebenjähriger Krieg und Niedergang der Fabrik

Der Siebenjährige Krieg (1756-1763) veranlasste Grätzel dazu, aus dem von Franzosen besetzten Göttingen zu fliehen. Da er den Betrieb in der Stadt nicht aufrecht erhalten konnte, gerieten die Tuchlieferungen für die Regimenter ins Stocken. Zu dieser Zeit wurde das Grätzelhaus von dem französischen Prinzen de Soubise bewohnt. Erst 1762 konnte Grätzel in sein Haus zurückkehren. Wieder erbat er eine staatliche Unterstützung von 3000 Talern, doch das Wohlwollen ihm gegenüber schwand und erst nachdem er seine Fabrik instand gesetzt hatte, wurden ihm seine Privilegien erneut zugesprochen. Zu einer neuen Blütezeit konnte seine Manufaktur aber nicht geführt werden. 1770 starb Grätzel, woraufhin seine Söhne die Verleihung eines Adelstitels beantragten, der ihnen mit „Grätzel von Grätz“ zugesprochen wurde. Das Erbe des Grätzelhauserbauers verursachte jedoch Streit zwischen zweien seiner drei Söhne um die Leitung der Fabrik. Der älteste Sohn nahm die Position des Vaters in Anspruch und fand den Jüngsten finanziell ab. Trotz Arbeitermangel und Absatzkrise gelang es Grätzel (II) die Geschäfte am Laufen zu halten. Er beschäftigte am Ende des 18. Jahrhunderts wieder über 300 Personen in der nun größten und ältesten Fabrik im Kurfürstentum Hannover. Auch ihm wurde der Titel des „Obercommerzien Comissarius“ durch König Georg III. verliehen. Dieser kurze Aufschwung war jedoch nicht von Dauer, weil Grätzel der aktuellen Mode nicht nachging und immer wieder in Streit mit der Regierung geriet.

Grätzelhaus um 1890 von einem unbekannten Fotographen.

Grätzelhaus um 1890 von einem unbekannten Fotographen.

So übernahm Grätzel (III) nach dem Tod seines Vaters (II) 1820 einen Betrieb, der kaum noch zu retten war. Denn die Hilfen, die die Regierung seinem Großvater (I) gewährt hatte, forderte der Staat nun zurück. Außerdem gab es einen neuen Konkurrenten, den Färber Eberwein, der Grätzels Privilegien mit der Produktion in Duderstadt umging. 1846 musste Grätzel (III) schließlich den Konkurs der Firma anmelden, der mit dem der Verkauf aller Gebäude außer dem Grätzelhaus einherging. Die Fabrikanten Levin und Böhme kauften den Betrieb auf und nahmen so den Platz der Familie Grätzel in Göttingen ein (Koch 1958, S. 152-228).

Weg in die Moderne

Nachdem Grätzel (III) 1860 verstarb, war Auguste Grätzel die letzte Bewohnerin der Familie im Haus. Sie vermietete das Gebäude an acht weitere Haushalte, was ihr Einkünfte bescherte, die für ein sehr gutes Leben ausreichten. Zu dieser Zeit lebte im Grätzelhaus unter anderem Rudolf Winkel, der die feinoptische Industrie in Göttingen einführte und später mit Carl Zeiss fusionierte. Somit wurde das Haus indirekt zum Schnittpunkt der alten und neuen Industrie. 1891 verkaufte Auguste Grätzel den Barockbau schließlich an einen Klavierfabrikanten. Später war in ihm erst das Café National (1897) und im 20sten Jahrhundert das Stadtkaffee untergebracht. Nun sind es die Gaststätten „Mr. Jones“ und „Kartoffelhaus“. Heute erinnert vor allem die Grätzelstraße an den Namen der Familie Grätzel in Göttingen.Teile der Inneneinrichtung des Hauses sind im Stadtarchiv ausgestellt (Sachse 1987, S. 180f.; Koch 1958, S. 220f.; van Kempen 1953, S. 66; Tamke 1997, S. 54).

Literatur:

Behrendsen, Otto (Hg.) (1900): Die mechanischen Werkstätten der Stadt Göttingen. Ihre Geschichte und ihre gegenwärtige Einrichtung, Hannover.

Girod, Sonja (2009): Ausgegraben! Göttinger Stadtgeschichte von 1600 bis 1800 im Spiegel neuer archäologischer Funde. Eine Ausstellung des Städtischen Museums Göttingen und der Stadtarchäologie Göttingen, Göttingen.

Koch, Diether (1958): Das Göttinger Honoratiorentum. Vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung mit besonderer Berücksichtigung der ersten Göttinger Unternehmer, Göttingen.

Meyermann, Georg (1904): Göttinger Hausmarken und Familienwappen. Nach den Siegeln des Göttinger städtischen Archivs, Göttingen.

Sachse, Wieland (1987): Göttingen im 18. und 19. Jahrhundert. Zur Bevölkerungs- und Sozialstruktur einer deutschen Universitätsstadt, Göttingen.

Stadt Göttingen (Hg.) (1987): Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht, Göttingen.

Tamke, Georg (1997): Göttinger Straßennamen nach Familien, Bürgern und Personen, Göttingen (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göttingen / Stadtarchiv, Göttingen).

van Kempen, Wilhelm (1953): Göttinger Chronik, Göttingen.

Wellenreuther, Hermann (1988): Göttingen 1690-1755. Studien zur Sozialgeschichte einer Stadt, Göttingen.

Weblinks:

Wikipedia Grätzelhaus

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